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Die kleinen Unterschiede: 6. Nackte Tatsachen

Auch wenn sowohl Einheimische als auch Expats keine Kleider anhätten, bestünde ein Unterschied – in ihrer Einstellung zu dem, was sie genau dann sind: nackt.

Von Martin Pütter

Kürzlich beim Fischen nicht weit entfernt von Basel hatte ich ein ungewöhnliches Erlebnis. Ich hatte mich langsam mit meinen Wathosen durch den Fluss stromab bewegt, als plötzlich eine nackte Frau am Ufer mir gegenüber auftauchte und in den Fluss schritt. Anstatt zu schreien und sich im nächsten Busch zu verstecken (was ich erwartet hätte), stand sie da, bis zu den Knien im Wasser, Hände in den Hüften, schaute mich an und fragte, auf Hochdeutsch: «Fischen sie noch lang hier?»

Es stellte sich heraus, dass sie in dem langsam fliessenden und tiefen Flussstück, dass ich befischt hatte, nackt baden wollte. Während wir über Pro und Contra des Badens in diesem Fluss sprachen – ich in Fischerkleidung (inklusive Wathosen, Weste und Hut), sie mit nichts an als einem Lächeln – tauchte ihr ebenso nackter Partner auf. Da auf dieser Flussstrecke nun keine Aussicht mehr bestand, etwas zu fangen, lief ich stromabwärts weiter und legte diese Episode in meinen mentalen Ordner «ungewöhnliche Erlebnisse beim Fischen» ab.

Nun, am gleichen Tag hatten viele Basler ein ähnliches Erlebnis. Als Teil ihrer Performance während Basels berühmter Kunstmesse ART BASEL lief Künstlerin Milo Moiré durch die Stadt – nackt, mit den Namen der Kleidungsstücke, die sie sonst getragen hätte, auf die entsprechenden Stellen ihres Körpers gemalt. Was mich dabei überraschte, war nicht ihre Aktion, sondern die Berichterstattung der Medien am nächsten Tag. Seriöse britische Zeitungen – und ein paar Tabloids – hätten sie von hinten fotografiert gezeigt, andere Tabloids dagegen zwar von vorn, aber nur vom Bauchnabel aufwärts, inklusive der Boulevardzeitung, die der Welt sozusagen das «Seite-3-Girl» gegeben hat. Die lokalen Blätter hingegen hatten keine Hemmungen, sie vollständig von vorn und hinten zu zeigen, inklusive ein Bild ihres Künstlerkollegens, der das Wort «Slip» auf ihren Körper an die entsprechende Stelle malte.

Dies sind nur zwei Beispiele dafür, was man als unterschiedliche Haltung gegenüber Nacktheit bezeichnen könnte. Ein anderer Unterschied in dieser Haltung zwischen Einheimischen und Expats zeigt sich auch beim Saunabesuch oder bei der Massage. Meine Freundin und Kollegin beim The Basel Journal, Mary, erzählte mal, dass sie nicht wisse, ob «alle angelsächsischen Kulturen so prüde sind wie wir Amerikaner». Für sie ist ein Saunabesuch nackt unvorstellbar – als sie mal in Basel im Badekleid in die Sauna wollte, erlebte sie eine Überraschung: «Man sagte mir, Badekleid in der Sauna sei nicht erlaubt, weil – mir ging fast die Luft aus – ich sonst Hautpilz bekommen könnte.»

An dieser Stelle soll nicht darüber debattiert werden, ob das nun wahr ist oder nicht, aber ich möchte anfügen, was Mary dazu gesagt hat: «Ich habe es geschafft, auch mit dem Tragen von Badeanzügen in der Sauna 50 zu werden, ohne irgendeine Form von Hautpilz zu bekommen.» Trotzdem: Die Schweizer – und die Deutschen mehr noch als die Schweizer – haben keine Hemmung, völlig nackt in der Sauna zu sein. Das kann beim Besuch einer Sauna im Ausland, vor allem in englisch-sprachigen Ländern, aber zu Unannehmlichkeiten führen. Während der Euro ’96 nutzten die Spieler des deutschen Fussball-Nationalteams die Sauna ihres Hotels – nackt. Andere Hotelgäste waren entsetzt, wie auch die britischen Medien – aber vielleicht haben die Medien, wie es ja bei Fussballern üblich ist, einfach masslos übertrieben.

Ein anderes Beispiel ist die Massage. Ich erinnere mich an meinen leider verstorbenen Freund Habib. Er hatte viele Jahre als Masseur in einem Basler Tophotel gearbeitet, und oft fragten Gäste aus den USA nach einer Massage. Sie reagierten, wie er sagte, immer geschockt, wenn er sie bat, sich ausziehen. Im günstigsten Fall konnte er erklären, dass er durch Kleider nicht mit Massage-Öl arbeiten könne, und er würde die Körperteile mit Tüchern bedecken, die nicht massiert würden. Habid erzählte mir auch die Geschichte einer Frau aus den USA, die darauf beharrte, ihr Nachthemd bei der Rückenmassage anzulassen – zu der es nicht kam, weil Habib gegangen war.

Ich geniesse es schon lange, massiert zu werden – immer noch. Ich finde, es ist das Beste, um die Muskeln wieder zu entspannen, nachdem ich ein Rugby-Spiel bestritten oder gepfiffen habe (am besten nach der Sauna – die Massage, nicht das Spiel). Dabei nackt auf dem Massagetisch zu liegen, Ober- oder Unterkörper mit Tüchern bedeckt, ist für mich kein Problem – und ist die Massage gut, schlage ich ohnehin ein. Aber einmal, zwecks Arbeit in Glasgow, verschaffte mir der Unterschied in der Haltung Probleme. Ich hatte im Hotel eine Massage  gebucht, nachdem ich das im Angebot gesehen hatte. Die Masseurin muss einen ziemlichen Schock erhalten haben, als ich in meiner Unwissenheit begann, meine Unterhose auszuziehen – oder wenn das nicht Schock war, warum schrie sie sich fast die Lunge aus dem Leib? Um es kurz zu machen: Ein (männlicher) Kollege ersetzte sie, ich liess die Unterhose an und bekam meine Massage (mit einer halben Stunde zwischen ihrem Schreien und dem Beginn meiner Massage).

Manchmal machen wirklich erst Schocks auf kleine kulturelle Unterschiede aufmerksam. Sogar Mary gibt zu, dass sie bei ihrem ersten Saunabesuch in der Schweiz schockiert war. «Seither habe ich aber gelernt, dass viele Europäer um Nacktheit kein grosses Aufheben machen.» Ok, keine grosse Sache, sagt sie – aber ich sage, es geschieht sehr selten, beim Fischen eine nackte Frau zu treffen, ob hier oder in englisch-sprachigen Ländern.

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