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Am Montag ist wieder Vogel Gryff – Kleinbasels höchster Feiertag

Von Mike Stoll, Basel Insider Website / (Foto: Patapat, wikimedia commons)

Jedes Jahr an einem bestimmten Tag im Januar zerreisen zahlreiche Böllerschüsse die morgendliche Stille über dem Rhein, Donnerschlägen gleich erschüttern sie die ganze Stadt und sind zugleich Auftakt für ein einzigartiges Schauspiel im Kleinbasel. Der Vogel Gryff tanzt wieder durch die Gassen der «minderen Stadt», begleitet von Leu und Wild Maa. Herren in altertümlicher Tracht mit stolz erhobenen Bannern ziehen unter Trommelschlägen hinter ihnen her und verleihen dem ganzen Zug ein Ehrfurcht gebietendes Gepräge.

Manch Ortsfremder, der vielleicht zufällig Zeuge dieses seltsamen Aufmarsches wurde, mag nun verwundert fragen: «Ist dies nun eine typische Vorfasnachtsveranstaltung, von denen da in dieser Stadt immer wieder die Rede ist?» Selbstverständlich lautet hier die einzig korrekte Antwort «Keinesfalls!». Gewiss werden nicht nur Herzblutkleinbasler lautstark aufschreien, sondern auch alteingesessene Bürger von jenseits des Rheins den neugierigen Gast freundlich zurechtweisen und ihm wohl klärend zur Antwort geben, dass es sich beim Vogel Gryff mitnichten um eine vorfasnächtliche Veranstaltung handelt, sondern dass dieses denkwürde Schauspiel eben den höchsten Kleinbasler Feiertag begleitet resp. zu einem grossen Teil überhaupt erst ausmacht.

Dennoch werden eingefleischte Kenner dieses Kleinbasler Brauchtums nicht abstreiten, dass es im Ursprung tatsächlich Parallelen zur Basler Fasnacht gibt. Diese sind zum einen nämlich gut sichtbar resp. hörbar. Sichtbar ist unweigerlich, dass die wichtigsten Exponeten des sogenannten Spiels verkleidet sind. Hier sind natürlich die Hauptakteure besonders hervorzuheben: Der Greif, der Löwe und der Wilde Mann. Bei diesen handelt es sich aber nicht um traditionelle Figuren der Basler Fasnacht, sondern um die Ehrenzeichen oder Wappenhalter der drei Kleinbasler Ehrengesellschaften, kurz auch drei E. genannt. In diesen Gesellschaften organisierten sich dereinst die im Kleinbasel ansässigen Berufsleute.

In der Ehrengesellschaft zum Rebhaus sassen dem Namen nach vor allem die Rebleute, aber auch Bauern und Gärtner, welche für den Unterhalt der vor der Stadt liegenden Gärten, Felder und Wiesen zuständig waren, hatten hier ihren Einsitz. Das zugehörige Wappen zeigt heute auf grünem Grund ein Rebmesser. Das Ehrenzeichen des Löwen als lebhafter König der Tiere unterstreicht hierbei die hohe Bedeutung und aufmunternde Wirkung des Weines. Die Gesellschaft zum Rebhaus wird erstmals 1304 erwähnt.

Die Ehrengesellschaft zur Hären nahm ursprünglich Jäger und Fischer in ihren Reihen auf, ebenso fand der niedere Adel in Kleinbasel Aufnahme. Sinngemäss zeigt ihr Wappen eine sogenannte «Häre», ein Netz, das man aus Weiden flocht und mit Schlingen aus Pferdehaar versah, um es als Vogelfalle in die Büsche und Bäume zu hängen. Der Wilde Mann («dr Wild Maa») ist ihr Wappenhalter, stammt er doch aus den umliegenden Wäldern und Flussauen, wo die Gesellschaftsbrüder zu grossen Teilen ihr Tagewerk verbrachten. Eine Urkunde aus dem Jahr 1384 erwähnt zum ersten Mal die Gesellschaft zur Hären.

In der Ehrengesellschaft zum Greifen waren primär Handwerker wie Weber, Müller oder Gerber versammelt, die häufig in Diensten der lokalen Klöster standen. Darauf verweist auch das Gesellschaftswappen mit seinem weissen Kreuz auf blauem Grund. Ihr Ehrenzeichen, der Greif, hat aber im Unterschied zu den beiden anderen, keinen engeren Bezug zu ihrem Berufsstand. Der Name stammt vom «Haus zum Greifen», welches in der damaligen Burgergasse stand und wie der Gesellschaft auch der Gasse ihren heutigen Namen gab: Greifengasse. Bis 1429 hatte sich die Gesellschaft etwas schlichter nach ihrem ersten Versammlungshaus (Ecke Rheingasse/Schafgässlein «Zum Baum» genannt. Die Gesellschaft zum Greifen wird erst 1409 im Zusammenhang mit einer militärischen Auseinandersetzung rund um die Feste Istein genannt.

Ähnlich den Grossbasler Zünften regelten diese Gesellschaften nicht nur die Belange der jeweiligen Berufszweige, sondern waren auch ins politsche und soziale Leben der Stadt eingebunden. Nach dem Brückenschlag und der Gründung Kleinbasel im Jahre 1226 übernahmen sie wohl bald den Wachdienst auf der errichteten Stadtmauer und in den engen Gassen. Aus ihren Reihen wurde der Kleinbasler Rat bestückt, welcher die Geschicke der minderen Stadt lenkte und im alten Richthaus tagte (heute Café Spitz). Ebenso übernahmen die emsigen Gesellschaftbrüder auch die Fürsorge von Armen und Witwen. Diese Unterstützung von sozial schwächeren Kleinbaslerinnen und Kleinbaslern vermochte sich übrigens über die Zeiten bis in die Moderne erhalten und findet noch heute seinen Niederschlag in der Geldsammlung der wieselflinken Ueli.

Unüberhörbar ist neben den Böllerschüssen natürlich auch das Trommelspiel der Tambouren, die den Zug begleiten. Tambouren und Bannerträger verleihen dem Vogel Gryff einen militärischen Touch. Und eben dieser Touch verbindet den höchsten Kleinbasler Feiertag zumindest historisch betrachtet mit der Basler Fasnacht. Das Trommeln und Pfeifen an der Basler Fasnacht findet seinen Ursprung zu einem Teil in den europäischen Armeen. Während den napoleonischen Kriegen pflegten die Feldherren ihre Heere mittels akustischer Signale über die Schlachtfelder zu dirigieren. Und so fanden vor allem das hohe Piccolo und die Trommel Aufnahme in den militärischen Alltag. Morgenstreich und Zapfenstreich, in Basel inzwischen auch als «Tattoo» (niederl. doe ten tap toe = mach den Zapfhahn zu!) weitgehend bekannt, stehen militärisch somit für Tagwach und Nachtruhe. Der frühe Beginn der Basler Fasnacht um 4 Uhr morgens sowie der geschlossene Marsch der Basler Cliquen und die strikte Trennung von aktiven Fasnächtlern und passivem Publikum untermauern desweitern die kriegerische Herkunft. Sowohl die Fasnacht wie auch der Vogel Gryff gehen somit wohl auf die militärische Praxis zurück,  früh am Morgen neue Rekruten auszuheben und bei den altgedienten Soldaten die Waffen zu mustern. Genau dies war in Grossbasel Aufgabe der Zünfte und in Kleinbasel eben der Ehrengesellschaften. Diese offiziellen Musterungen der städtischen Truppen fanden jeweils im Winter statt, in der Regel vor der österlichen  Fastenzeit. Der Grund hierfür, war lapidar die Tatsache, dass in der guten alten Zeit mit dem Frühling nicht nur die Liebe ausbrach, sondern auch die kriegerischen Auseinandersetzungen wieder aufgenommen wurden, die während des Winters wegen Kälte und Nässe zu ruhen pflegten.

Wir dürfen also sicherlich annehmen, dass solche Waffeninspektionen und Aushebungen kurz nach Gründung von Kleinbasel und Errichtung der Stadtmauer durchgeführt wurden und gewiss mit einem Mahl für die beteiligten Vorgesetzten endete, welches dann später als Gryffenmähli zur festen Grösse an diesem Feiertag wurde. Allerdings geschah dies zu Beginn in jeder Gesellschaft für sich. Dies erklärt auch, weshalb der Vogel Gryff nicht an einem einzigen Datum stattfindet, sondern an deren drei. In einem Turnus von drei Jahren wandert der Feiertag von 13. Januar, über den 20. Januar zum 27. Januar und beginnt dann von Neuem. Nur wenn der Vogel Gryff auf einen Sonntag fällt, wird er am Samstag zuvor durchgeführt. Hinter diesem Turnus stehen noch gut verständlich die separaten Durchführungsdaten der jeweiligen Gesellschaft:

am 13. Januar die Ehrengesellschaft zum Rebhaus
am 20. Januar die Ehrengesellschaft zur Häre
am 27. Januar die Ehrengesellschaft zum Greifen

Leider wird das Mittlaufen der einzelnen Ehrenzeichen erst 1597 in der Schrift «Der Stadt Basel Regiment und Ordnung» des angesehenen Kaufmanns Andreas Ryff belegt:  «Dise 3 Gsellschaften haben ein alten Brauch, den land si nit abgon: ob gleichwol oft in der grossen Statt unnöttige Kurtzwylen verbotten werden, so fahren si für, jerlich uff ein gewissen Tag ziechen sie bewöhrt mit ihren Fenlinen in der Stadt umb, das Räbhaus fiert einen Leiwen, die Härren ein wilden Mann, der Greiff ein Greiffen, jede Gesellschaft uff ein besonder Tag, an einer ketten umb, mit allerley kurtzwilen.»

Wir können also nicht mit Bestimmtheit sagen, ob der Vogel Gryff,  der Leu und der Wild Maa bereits im Mittelalter den jeweiligen Umzug angeführt haben. Erst im Jahre 1838 wird der Umzug aller Ehrengesellschaften gemeinsam organisiert. Mithin ein Grund dafür dürfte der Kauf des ehemaligen Richthauses von Kleinbasel 1833 gewesen sein, welches fortan auch als gemeinsames Gesellschaftshaus Verwendung fand und noch heute als Café Spitz über dem Eingang die Wappen der drei Ehrengesellschaften trägt.

So felsenfest sich dieses so typische Kleinbasler Brauchtum heutzutage präsentieren mag, so wankend war es in vergangenen Zeiten. Immer wieder wurde von Pfarrherren und Obrigkeiten beiderseits des Rheins in Frage gestellt, ob man solchen Unfug in einer züchtigen und Gott gefälligen Stadt noch weiter dulden wolle, wenn da die Kleinbasler «in sündhafter Verkleidung des Menschen in Viechs» ihren Vogel Gryff begingen. Und als im Jahre 1750 während der Feierlichkeiten ein schwindsüchtiger Maurergeselle im Kostüm des Löwen einen Schlaganfall erlitt, verdammte man diese «Ludertage» in aller Öffentlichkeit sogar als heidnisch und wider Gottes Willen mit den Worten «Verlasset das alberne Wesen, so werdet ihr leben, und gehet auf dem Wege des Verstandes!». Wir können von Glück reden, dass nicht alle Gelehrten und Theologen diese einfältige Sicht der Dinge vertraten. Der damalige Waisenhauspfarrer und Professor für deutsche Poesie und Beredsamkeit, Johann Jakob Spreng, brach so manche Lanze für dieses althergebrachte Brauchtum. Ihm zu Ehren kehrt noch heute das Spiel am Vogel Gryff im Bürgerlichen Waisenhaus zu einer kleinen Stärkung ein.

Damit solche Anfeindungen von selbsternannten «Hüter der Moral und Stittsamkeit» auch in Zukunft ausbleiben, gibt es nur ein adäquates Mittel: den Versuch, unser altes Brauchtum zu verstehen, und dort wo der Verstand versagt, ganz einfach mitzuerleben.

Ich wünsche somit allen Kleinbaslern und Grossbaslern sowie allen Besuchern einen schönen Vogel Gryff!

Im Jahr 2014 hat die Ehrengesellschaft zum Rebhaus den Vorsitz bei den 3 E. Somit findet der Vogel Gryff am Montag, 13. Januar 2014 statt. Wenn Sie wissen wollen wo sich das Spiel am Vogel Gryff Tag befindet, können Sie dies hier im Routenplan nachlesen.

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