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Blutvergiessen im Namen der Gerechtigkeit

Im Henkermuseum in Sissach treffen Welten aufeinander. Schauder und Faszination gehen hier ebenso fast grenzenlos ineinander über wie die Schicksalsgeschichten von Henker und Straftäter.

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Eines der Henkerbeile, welches im Sissacher Henkermuseum ausgestellt ist.

Von Nicole J. Bettlé

Mitten im Sissacher Dorfkern,  an der Brücke über den Diegterbach, befindet sich ein hübsches, ehemaliges Zollhaus. Wer es betritt, taucht sogleich in eine andere Welt ein. Wie „Alice im Wunderland“ brauchen seine Besucher aber eine gehörige Portion Neugierde und Mut. Hier treffen sie schliesslich nicht auf fiktive Herrscher, die anderen die Köpfe abschlagen wollen. Sie erfahren vielmehr die Lebensgeschichte von Menschen, die einst im Namen der regierenden Gerichtsbarkeit Enthauptungen durchgeführt haben.

Der Henker und sein Amt
Das berufsmässige Amt des Henkers kam im 12./13. Jahrhundert auf. Zu dieser Zeit wurde in Europa das Strafrechtssystem „institutionalisiert“. Im Verlaufe dieser Entwicklung ging die Rechtsgewalt der einstigen Sippenverbände auf weltliche Behörden über, die in den Städten und Landgemeinden ihre Macht ausbauten. Fortan waren sie für die Ahndung und Verurteilung von Kriminellen zuständig – und folglich auch für die Berufung eines Henkers, der ihre Urteile vollstreckte.

Der Henker war nicht nur der Schrecken der Diebe, Mörder oder Vergewaltiger. Auch seine christlichen Mitbürger fürchteten sich vor ihm. Schliesslich zählte das Henkeramt zu den sogenannten „unehrlichen Berufen“. Obwohl der Henker stets im Auftrag der Obrigkeit seine Tätigkeit ausübte, gehörte er nämlich dem Stand der „Unehrlichen“ an. Sie wurden sowohl sozial als auch rechtlich geächtet und damit in allen Lebensbereichen benachteiligt.

Aus rechtlicher Sicht war es ausschliesslich dem Henker gestattet, die von den Herrschaften angeordneten Torturen sowie Hinrichtungen durchzuführen. Auch durften nur er und andere Unehrliche die Gefangenen berühren. Die ärztliche Heilkunst stellte daher ebenfalls eine seiner Haupttätigkeiten dar. Im oblag es, die Gefolterten und inhaftierten Kranken medizinisch zu versorgen. Viele Henker waren berühmt für ihre ausserordentlich guten Kenntnisse der menschlichen Anatomie und Heilkräuterkunde.

Kalter Stahl und rollende Köpfe
Die Geschichte der Henker wird den Besuchern gleich im Eingangsbereich vorgestellt. Erzählt wird auch die der Familie „Mengis“, einer der bedeutendsten Henkerdynastien der Schweiz. Ihre Angehörigen haben nachweislich seit dem 16. und bis ins 20. Jahrhundert in vielen verschiedenen Kantonen Hinrichtungen durchgeführt. Das Henkeramt war schliesslich erblich und ging traditionell auf die nächste Generation über.

Im Parterre sind auch die Instrumente untergebracht, mit denen der Vollstrecker von Recht und Gesetz die Todesurteile vollzogen hat. Das Henkermuseum ist im Besitz einer der grössten Sammlungen originaler Richtschwerter und Richtbeile. Ihre Herstellung datiert bis ins 17. und 18. Jahrhundert zurück. Einige Richterstäbe sowie zahlreiche zeitgenössische Illustrationen runden die Ausstellung ab.

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Das Henkermuseum ist im Besitz einer der grössten Sammlungen originaler Richtschwerter

Ein ganz besonderer Augenfänger ist eine echte Guillotine, die hier ebenfalls ihren Ausstellungsplatz gefunden hat. Sie war – mit Unterbruch – von 1845 bis 1940 in der Schweiz im Einsatz. Im Obergeschoss wiederum befindet sich das Originalmodell, mit dem ihr Namensgeber, der Arzt Joseph-Ignace Guillotine, während der Französischen Revolution für ihre Einführung warb. Anhand zahlreichen Bildmaterials erfährt man ausserdem viel Wissenswertes über die Erfindung, Technik und Anwendungsweise des Fallbeils. Sein Einsatz lässt sich gleichfalls bis ins 12./13. Jahrhundert zurückverfolgen.

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Eine ganz spezielle Guillotine, ähnlich wie diese im Bild, ist ebenfalls ausgestellt.

Körper- und Todesstrafen
Der Name „Henker“ war nur eine Berufsbezeichnung von vielen. Oft wurde er auch „Scharfrichter“ oder „Nachrichter“ genannt, hinter vorgehaltener Hand nicht selten „Angstmann“ oder „Bangemann“. Seine Handlanger wiederum waren die Folterknechte, die unter seinem Kommando Verdächtige gezielt verstümmelt haben, um aus ihnen Geständnisse herauszupressen.

Die Folterinstrumente, die schaurigsten Arbeitsutensilien des Henkers und seiner Gehilfen, befinden sich passenderweise im Kellergeschoss des Museums. Zahlreiche originale Hand- und Fussfesseln, Daumenschrauben oder Schandmasken sind hier ausgestellt. Darüber hinaus befinden sich hier auch einen Pranger, einen Folterstuhl sowie eine Vorrichtung, mit der die Strecktortur durchgeführt wurde.

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Eine Schandmaske 

Wie die jeweiligen Geräte der Peiniger Anwendung fanden, wird ebenfalls am Beispiel einer auserlesenen Sammlung alter Drucke aufgezeigt. Was nach Folter und Hinrichtung von den Delinquenten noch übrigblieb, zeigt sich wiederum am Beispiel einiger Totenschädel. Für Filmfreunde besonders interessant dürfte ein Eisenkostüm sein, das sich hier im Folterkeller befindet. Dabei handelt es sich um eine Requisite aus dem Film „Sleepy Hollow“ (1999) mit Johnny Depp, Christina Ricci, Christopher Walken und Christopher Lee.

Noch bis zum 18. März 2018 zeigt das Henkermuseum in Sissach eine Sonderausstellung mit dem Titel „Die letzten zivilen Hinrichtungen in der Schweiz, nach Wiedereinführung der Todesstrafe 1879“. Neben der dazu benutzten Guillotine, die vom Historisches Museum Luzern extra für den Anlass ausgeliehen wurde, werden nicht nur die Taten der letzten, hierzulande geköpften Straftäter dokumentiert, sondern auch ihre persönlichen Geschichten.

Das Museum der einst geächteten und gefürchteten Scharfrichter ist jeden 1. und 3. Sonntag im Monat von 14-17 Uhr geöffnet. Führungen werden auch in englischer Sprache angeboten. Weitere Informationen sind auf www.henkermuseum.ch erhältlich.

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