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Die kleinen Unterschiede 10: Guten Appetit

Von Martin Pütter

Wir alle nehmen Nahrung zu uns, aber was wir essen, und vor allem am liebstem, und wie wir dazu stehen – da gehen die Ansichten von Einheimischen und Expats auseinander.

Anfang März 2015 lief nach einer Nachricht bei vielen Expats das Wasser im Mund zusammen, vor allem bei Briten. In Basel war eine Imbissbude aufgegangen, die „fish and chips“ serviert (Tramways in der Steinentorstrasse). Die vielen Kommentare in den sozialen Medien lauten zusammengefasst: Tramways serviert „wahre fish and chips.“ Das heisst: Es waren weder Pangasius oder Tilapia aus einer Zucht, sondern, wie es sich gehört, Dorsch oder Schellfisch, und die chips waren frittiert, nicht im Ofen gebacken.

Ich kann mir nun vorstellen, dass Einheimische abfällige Bemerkungen über die Qualität der britischen Küche machen. Für sie habe ich aber eine Frage: Was ist der Unterschied zwischen frittiertem Dorsch oder Schellfisch und frittierten Eglifilets. Wohl nur der Preis – und die Eglifilets (meistens aus Kanada, Irland oder dem Baltikum, und nicht einheimisch) einiges teurer als Dorsch oder Schellfisch. Es ist Fisch. Zu beidem werden Kartoffeln serviert – entweder gekocht (Egli) oder frittiert (Dorsch, Schellfisch).

Und kürzlich fand ich ein Rezept in einem Lokalblatt, dass mich an eine andere Mahlzeit erinnerte, die in Grossbritannien (und wohl auch in anderen Teilen der englischsprachigen Welt) sehr populär ist: grobe Bratwurst mit Kartoffelstock. Ich höre schon, wie die Expats rufen: BANGERS AND MASH. Ein anderes Beispiel? Besteht ein Unterschied zwischen Rösti, die in acht von zehn Schweizer Restaurants erhältlich sind, und „hash brown“? Nein…

Andere Fische

Vielleicht besteht also gar kein so grosser Unterschied zwischen Schweizer und britischer Küche. Allerdings habe ich in den Jahren, in denen ich in Grossbritannien lebte, gerade bei Fisch einen Unterschied festgestellt (und frage mich, ob das auch auf der andere Seite des Teichs oder südlich des Äquators der Fall ist): Von Süsswasserfischen essen Briten nur Lachs und Meerforelle (beides Wanderfische) und Forelle, nur mutige Londoner essen vielleicht noch gelierten Aal. Auf dem europäischen Festland hingegen werden Äsche, Barsch (Egli), Hecht, Karpfen, Saibling, Zander und andere Süsswasserfische gegessen.

Als ich Briten (während ich in London lebte) oder Expats hier in Basel dazu fragte, antworteten sie: „Ich mag lieber Fisch aus dem Meer, die haben mehr Geschmack als andere Fische.“ Da – gezüchtete – Forellen im Handel (Supermarkt oder Fischhändler) meist schlaff und geschmacklos sind, fragte ich, ob sie schon andere Süsswasserfische probiert hätten – zu 99% lautete die Antwort nein.

Zudem, was Meerfische betrifft, stellen Expats hier oft folgende Frage: „Wie kann Meerfisch, der hier verkauft wird, frisch sein?“ Nun, in meiner Studentenzeit (schon arg lange her), arbeitete ich als Fahrer für einen Delikatessen-und Fisch-Grosshändler. Mein damaliger Chef erklärte mir, dass in Sachen Frische kein Unterschied besteht, ob nun Fischtheke in der Schweiz oder britischer Fischhändler, „die Zeit von Boot zu Kunde ist gleich.“ Er glaubte sogar, dass Fische in Grossbritannien länger brauchen von Hafen zu Kunden als etwa von einem niederländischen oder französischen Hafen zu Schweizer Geschäften. In Anbetracht der Verkehrssituation in Grossbritannien glaube ich das sogar. Und bei der neuen Imbissbude hat auch keiner über (mangelnde) Frische von Dorsch oder Schellfisch geklagt.

Hau rein

Wenn es ums Trinken oder Getränke bestellen geht, sind Expats sehr höflich – siehe auch meine Artikel über Trinketikette in dieser Serie (Kleine Unterschiede #3). Bei Mahlzeiten hingegen scheint die Höflichkeit zu fehlen. Die meisten Festland-Europäer wünschen sich „Guten Appetit“ oder ähnliches. Expats andererseits – besonders die Neuankömmlinge – bleiben meistens ruhig; und ich sehe immer noch viele US-Amerikaner mit einer Hand unter dem Tisch beim Essen – in Europa gilt das als Verstoss gegen Tischmanieren.

Ich erinnere mich auch an das erste Essen, dass ich als Student in Schottland meinen Mitbewohnern gekocht hatte. Kaum hatte ich serviert, begannen sie zu essen; als ich sie fragte, ob sie sich etwas wünschen vor dem Essen (etwas Entsprechendes zu „Bon appétit“), schauten sich mich nur völlig verblüfft an. „Was soll das Gequatsche? Hau einfach rein“, war ihre Antwort  – und in den folgenden Jahren hatte ich ähnliche Erlebnisse. Hingegen scheinen Expats in Basel nach gewisser Zeit diese kulturelle Eigenart zu übernehmen – sie sagen entweder „Bon appétit“ oder „enjoy your meal“ (geniess Dein Essen). Das werde ich – besonders bei meinem nächsten Besuch der Imbissbude in der Steinentorstrasse.

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