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Die kleinen Unterschiede: 3. Alle für Einen, oder jeder für sich

Die wohl grösste Zahl kleiner kultureller Unterschiede zwischen Expats und Einheimischen ergibt sich, wenn es darum geht, Getränke in Lokalen zu bestellen.

Von Martin Pütter

Es kommt vor, dass Menschen übersehen, was direkt vor ihren Augen ist. Sie zweifeln? Dann gehen Sie doch mal zum Mr. Pickwick Pub in der Steinenvorstadt mitten in Basel. In der warmen Jahreszeit, wenn der Pub Tische und Stühle herausstellt, kann man sehen, wie sich Gäste dorthin setzen und auf die Bedienung warten (es passiert aber auch innen). Was viele direkt vor ihnen nicht sehen: Kleine Schilder, auf denen steht «self-service at the bar». Nach einer Weile gehen sie missmutig, weil sie nicht bedient worden sind. Dabei war das Schild so nah, dass meine Mutter selig gesagt hätte: «Wär’s ein Hund gewesen, hätte er sie gebissen.»

Diese Pub-Besucher sind selber schuld – weil ihre Beobachtungsgabe zu wünschen übrig lässt, und weil sie einen besonderen Unterschied zwischen Schweizer und angelsächsischer Kultur nicht kennen. Vereinfacht gesagt: In Pubs bestellt man seine Getränke an der Bar, in Basler Beizen setzt man sich und wartet, bis die Bedienung kommt. Der Pickwick’s-Wirt macht sich immerhin die Mühe und weist mit den Schildern auf den Unterschied hin.

«Diese Runde geht auf mich»

Stammgäste dieses Pubs schliessen manchmal Wetten ab, ob diese Unwissenden die Schilder bemerken und an die Bar kommen. Oft kündigt der Sieger dann an: «Diese Runde geht auf mich.» Das Konzept des Rundenzahlens ist auch in der Schweiz nicht unbekannt– aber es ist die Ausnahme, nicht die Regel. Dagegen ist es in der angelsächsischen Welt umgekehrt. Und wenn ich angelsächsische Welt schreibe, schliesse ich die USA und Kanada aus, schlicht weil mir meine Freunde von jenseits des Teichs erklärten, dass auch ihnen dies fremd ist.

Mit dem Rundenzahlen kam ich erstmals in Kontakt, als ich als Student für ein Jahr an der St. Andrews University in Schottland weilte. Was ich fühlte, als mich meine Mitstudenten andauernd einluden, war (in dieser Reihenfolge): Angenehm überrascht, verwundert, schliesslich beschämt. Nach zwei Wochen kostenlosen Trinkens nahm ich meinen Mut zusammen und fragte meine «akademische Mutter» Angie (Frischlinge werden in St. Andrews von fortgeschrittenen Studenten adoptiert), warum mich alle einluden. Früher oder später sei die Reihe an mir zu zahlen, sagte sie. Ich wurde rot, aber Angie rettete mich: «Du fragst wenigstens. Andere Auslandsstudenten kapieren das nie.»

Etikette

Ich war in einer (Schweizer) Trinkkultur aufgewachsen, in der jeder für sich selbst zahlte. Runden wurden nur bei besonderen Anlässen ausgegeben (Geburtstag, bevorstehende Vaterschaft, neue Stelle, usw.). Doch dann fand ich mich in einer Kultur wieder, die es genau umgekehrt macht – oder anders gesagt: Einer für alle statt jeder für sich.

Beim Runden ausgeben und Getränke bestellen ist dabei eine Etikette zu beachten – was ich zuerst in St. Andrews und dann beim weiteren Recherchieren für diesen Artikel feststellte. Ein englischer Zeitungsjournalist gab sogar eine Anleitung zum Zahlen von Runden heraus, bekannt als «Greaves‘ rules» – zu finden unter anderem auf der Webseite oxfordpubguide.

Es existieren viele Erklärungen, warum Briten (und Australier und Neuseeländer) Runden zahlen: Als symbolische Geste zeigt es, dass alle in der Gruppe gleich sind, und es fördert die Kameradschaft. Und «(…) es verhindert Blutvergiessen. Gegenseitige Geschenke sind das beste Mittel, um Aggressionen zwischen Ländern, Stämmen und Einzelnen zu verhindern», steht im Passport to the Pub des Social Issue Research Centres. Und Angie sagte mir auch, dass ich nein sagen könnte auf eine Einladung, «aber nur mit einem guten Grund»

Weitere Unterschiede

Einer der Stammgäste im Pickwicks ist Kevin, schwarzer Gürtel im Judo (dritter Dan) und Rugby-Spieler – mit ihm legt man sich nicht an. Als ich mal Getränke bestellte, vergass ich, in Gedanken versunken, «Bitte» zu sagen. Kevin fuhr mich an: «Ihr Einheimischen seid so rüde beim Bestellen, sagt nie Bitte oder Danke.» Ich glaube, ich zahlte ihm ein Bier (warum, siehe oben) und beobachtete dann andere beim Bestellen. Ich muss es Kevin lassen: Er hatte in vielen Fällen recht. Expats sagen Bitte, wenn sie bestellen, häufiger als Einheimische. Und in einer Liste auf smittenbybritain fand ich Folgendes: «Sagen Sie oft Bitte und Danke. Wer keine Manieren zeigt, wird im besten Fall ignoriert, oder ganz aus dem Pub geschmissen.»

Es fällt auch auf, wie wenig Expats miteinander anstossen – oder wenn, dann nur einmal. Die Einheimischen dagegen scheinen bei jedem Schluck aus ihrem Glas anstossen zu wollen, und man solle sich dabei in die Augen schauen. «Es hiess, wenn ich das nicht machte, hätte ich angeblich sieben Jahre lang schlechten Sex», erzählte ein anderer Pickwick-Stammgast.

Und schliesslich: Kein Trinkgeld, wenn man für seine Getränke zahlt – das ist zumindest die allgemeine Regel jenseits des Ärmelkanals. Aber zur Freude des Pickwicks-Personal brechen die Gäste hier die Regel. Ob Einheimische oder Expats, viele Kunden geben ein Trinkgeld

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