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Die kleinen Unterschiede: 4. Zwei Jahre Schlange stehen

Es steckt in den Genen der Briten, es ist Grossbritanniens Beitrag zur modernen Zivilisation – und eine hier gänzlich unbekannte Kunst: Schlange stehen.

Von Martin Pütter

Ja, ich habe Schlangestehen absichtlich als Kunst bezeichnet, und ich bin sicher, dass viele britische Expats (sowie Anglophile wie ich) mir zustimmen. Es gehört zu den Sachen, die ich seit meiner Rückkehr nach Basel vor ein paar Jahren vermisse. Wie Jochen Wittmann, ein Kollege von mir in London, schrieb: «Es ist Grossbritanniens Beitrag zur Zivilisation. Schaut man sich an, wie Schweizer Schlange stehen, kommt die Frage auf, wie weit sich die Zivilisation ausgebreitet hat.»

Als ich noch in Wimbledon lebte, bin ich sogar einer Schlange mit Kultstatus begegnet. Jedes Jahr Ende Juni, Anfang Juli wollen viele Menschen die weltbesten Tennisspieler an den «All England Championships» sehen. Um an die begehrten Tickets zu kommen, stehen sie stundenlang Schlange – oft sogar über Nacht. Und die BBC berichtete über Leute, die sich rein aus Spass der Schlange angeschlossen hatten.

Ellenbogen und List

Man stelle sich nun eine Agentur in Basel vor, die Karten für das Konzert eines Superstars verkauft. Online-Buchung ist nicht möglich (Webseite ausser Betrieb), also müssen Interessenten zur Agentur gehen. Würden die Einheimischen eine ordentliche Schlange bilden (sofern nicht durch Gitter dazu gezwungen)? Als weitere Beispiele dienen Getränkestände, Eiscrème-Wagen im Sommer oder Essbuden. Briten gehen zum Ende der Schlange und warten, bis sie dran sind. Hier wollen alle sofort bedient werden und zögern nicht, Ellbogen oder List anzuwenden, um schneller als die anderen zu sein.

Vier Stunden pro Woche

Winston Churchill soll geraten haben, keiner Statistik zu trauen, die man nicht selber gefälscht hat. Wie auch immer, hier ist ein Auszug aus einer Statistik zu diesem Thema: zwei Jahre ihres Lebens verbringen Briten in Schlangen – mehr als vier Stunden pro Woche. Kein Wunder, haben sie es zur Kunst erhoben. Ein Brite allein kann sogar eine Schlange bilden, und weiss, wo er sie bildet. Mein Freund Laurent Viret, einst Grossbritannien-Korrespondent der Basler Zeitung, erklärte mir, wie dies an einer Bushaltestelle funktioniert: «Du kommst zur Haltestelle, stellst Dich neben das Schild und schaust in die Richtung, aus der der Bus kommt – und Du hast allein eine Schlange gebildet.» Ob nun Bus- oder Tramhaltestelle, hier in Basel herrscht Unordnung. Vielleicht lassen die Wartenden andere grad noch aussteigen, aber dann geht das Gedränge los.

«Oje»

Die Kunst geht indes noch weiter. Man sieht eine Person an der Haltestelle und stellt sich hinter ihr an. Ist dabei der Abstand zu kurz, fragte der Nächste, der kommt: «Stehen Sie in der Schlange?» Da Briten Meister darin sind dabei, das Eine zu sagen, aber etwas ganz anderes zu meinen, heisst dies übersetzt: «Oje, wissen Sie nicht mal, wie man Schlange steht?»

Tabu

Das grösste Tabu ist Vordrängeln. Das macht man einfach nicht. Wer es trotzdem macht, ist Aussenseiter. Immerhin besteht keine Lebensgefahr. Eine milde Reaktion darauf kann eine gehobene Augenbraue sein, im schlimmsten Fall heisst es: «He, Kumpel, hinten anstehen.» Ich gebe gerne zu, dass die Schweizer wirksame Mittel für das Bilden einer Warteschlange haben: Das Ticketsystem bei der Post etwa. Sie kommen herein, ziehen ein Nummer, und wenn diese auf dem Bildschirm erscheint, ist die Reihe an Ihnen. Aber dies ist ein hochorganisiertes und reguliertes System für Warteschlangen, und nicht natürlich gewachsen.

Rechts stehen

In einer Situation erlauben Briten aber sozusagen Vordrängeln: Auf den Rolltreppen an Bahnhöfen oder U-Bahn-Stationen. Alle London-Besucher staunen über die Disziplin der Rolltreppen-Benutzer: Sie stehen rechts oder laufen links. Wer es wagt, links zu  stehen, spürt rasch einen Stoss in die Rippen und hört dazu wenig freundliche Kommentar wie «verwünschte Touristen». Die linke Hälfte wird nämlich freigehalten für alle, die es eilig haben, ihren Zug zu erreichen. Die Schweiz hat versucht, eben dieses System an den grossen Bahnhöfen einzuführen, mit verschiedenen Zeichen – aber es wird Generationen dauern, bis es im Blut der Einheimischen ist. Wer es also eilig hat, auf den Zug zu kommen, nehme die Treppen.

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