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Die kleinen Unterschiede: 5. Verschwindender Unterschied – SBB kopiert British Rail

Schweizer Züge (sowie Busse und Trams) laufen wie ein Uhrwerk, aber der öffentliche Verkehr in Grossbritannien ist ein Desaster – das ist der allgemeine Eindruck. Das scheint sich nun zu ändern.

Von Martin Pütter

Es ist ein alter Witz unter Londonern, die dort öffentlichen Verkehr nutzen: Man wartet eine Ewigkeit auf einen Bus, und dann kommen drei hintereinander. Wie beim Wetter knurren die Briten darüber, nehmen es aber letztlich hin. Und die Schweiz? Sie war bisher bekannt für die Verlässlichkeit und Pünktlichkeit des öffentlichen Verkehrs. Aber persönliche Erlebnisse lassen mich vermuten, dass dieser Unterschied verschwinden könnte – und das nicht, weil die anderen Nationen aufholen.

Ich gehe ein paar Jahre zurück, Mitte der Neunziger des letzten Jahrhunderts. Der damalige Mediensprecher der irischen Botschaft in London schwärmte: «Man kann seine Uhr nach dem öffentlichen Verkehr in der Schweiz stellen. Egal, welche Tageszeit, egal, wie viel Verkehr, sagt der Fahrplan, der Bus kommt um sieben ab, kommt er um sieben ab», erzählte er mir nach seiner Rückkehr von einem sechsmonatigen Aufenthalt im notorisch verstopften Genf.

Manches hat sich seither nicht verändert, das gilt auch für meine Kenntnisse des öffentlichen Verkehrs ausserhalb der Schweiz, speziell der Länder, aus denen die Expats kommen – seien das die USA (nie dort gewesen), Kanada, Südafrika, Australien oder Neuseeland (dito). Daher würde ich gerne die Ansichten von Expats aus diesen Ländern dazu wissen – bitte fügen Sie unten einen Kommentar hinzu.

Aber den ÖV in London kenne ich. Ich habe nicht nur unglaubliche Geschichten über Züge und Busse, über Verspätungen und Ausfälle gehört oder gelesen, ich könnte selber einiges erzählen (dafür fehlt der Platz hier). Ich glaube aber, dass mir viele Briten zustimmen, wenn ich sage, dass Fahrpläne in Grossbritannien das Papier nicht wert sind, auf denen sie gedruckt sind.

Sie glauben mir nicht? Dann verrate ich, wie ich mittlerweile Briten in Schweizer Zügen erkenne. Sie grinsen oder kichern, wenn sich ein Zugführer für eine Verspätung von zwei (2) Minuten entschuldigt. Würden das Zugführer in Grossbritannien für eine so geringfügige Verspätung machen? Niemals! Wenn überhaupt, dann müsste das schon eine Verspätung von mindestens 15 Minuten sein.

Kürzlich hat sich was geändert, was das Kompliment des irischen Diplomaten unverdient erscheinen lässt. Als Rugby-Schiedsrichter in meiner Freizeit reise ich viel durch die Schweiz und verlasse mich dabei auf pünktliche Ankunft und Abfahrt der Züge. Es begann letzten Herbst, als ich nach Monthey ins Wallis musste. Wegen Verspätungen und deswegen verpassten Anschlüssen kam ich erst 30 Minuten vor Anpfiff an – etwas spät, wegen des Papierkrams vor dem Spiel. Eine Ausnahme, dachte ich, bis sich die Probleme zu häufen begannen. Zuerst blieb mein Zug zwischen Fribourg für eine halbe Stunde stecken (Signalprobleme), das gleiche am nächsten Tag in Muttenz (GC-Fans auf den Gleisen). Ein anderes Mal kam ich zu spät an eine Sitzung, weil alle Züge von und nach Bern wegen eines defekten Zuges verspätet waren. Ich verpasste einen Zug, weil das Tram, das mich zum Bahnhof bringen sollte, nicht kam, Busse fuhren an Haltestellen einfach durch, und ein Zug fiel aus (ok, der kam aus dem Ausland, also könnte man die Schuld auf die andere Seite der Schweizer Grenze schieben). Und den Entwurf zu diesem Artikel kritzelte ich in einem Zug nach Zürich, der von seiner normalen Strecke umgeleitet worden war – ohne Ankündigung, ohne Entschuldigung an die Fahrgäste wegen der Verspätung.

Freunde erzählten mir von ihren Problemen mit dem öffentlichen Verkehr. Meine Kollegin Bettina etwa kam zu spät zu einer Sitzung: «Bus verpasst. Wartete eine Ewigkeit, und dann gleich zwei hintereinander», schrieb sie auf den sozialen Medien. Oder Mike, Präsident des Rugby-Clubs hier in Basel – auf dem Weg zu einem Spiel schrieb er: «Scheint ein weiteres Zugabenteuer zu werden, wegen ‚Arbeiten’ auf anderen Strecken.» Und kürzlich in Basel, nachmittags an einem Mittwoch, fiel kurzfristig der Strom aus – weswegen zwischen dem Badischen Bahnhof und Riehen die Trams ausfielen. Einheimische – und einige Besucher der Gerhard-Richter-Ausstellung in der Fondation Beyeler – mussten sich in hastig aufgebotene Ersatzbusse drängeln.

Allerdings, die Schweiz hat auch eines der dichtesten und meistbenutzten ÖV-Netze der Welt. Und wie jeder Uhrmacher erklärt: Es reicht schon ein Körnchen Sand im Werk, und selbst die technisch ausgereifteste Uhr verliert ihre Präzision. Aber immerhin entdecke ich wieder, was ich in meiner Zeit in London gelernt habe: Flexibel sein, einen Plan B (oder C oder gar D) haben, auf alle Fälle vorbereitet sein, früher als sonst gehen. Wie die Briten eigentlich. Aber: Auch wenn ich heute wählen müsste zwischen öffentlichem Verkehr in der Schweiz und dem in Grossbritannien (oder z. B. Deutschland), ich würde jederzeit den Schweizer ÖV nehmen.

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