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Die kleinen Unterschiede: 7. Gasrechnung als Ausweis

Was für Schweizer absolut selbstverständlich ist (und wohl für viele Expats, die hier leben): Sich jederzeit ausweisen zu können und ID oder Pass immer mit sich zu führen.

Von Martin Pütter

Viele Expats, die in Basel und Umgebung leben, haben es vielleicht schon erlebt – und alle einheimischen Fahrzeuglenker wohl mindestens einmal in ihrem Leben. Sie fahren in ihrem Auto oder auf ihrem Motorrad, und plötzlich winkt Sie ein Polizist zur Seite (ich verwende übrigens «Polizist» mit Absicht, da ich noch nie eine Polizistin dabei gesehen habe – aber ich schweife ab). Nach dem Gruss kommt die Information, dass er und seine Kollegen eine Fahrzeugkontrolle durchführen, danach kommt die Bitte, alle Ausweise zu zeigen – will heissen: Fahrausweis, Fahrzeugausweis und entweder Identitätskarte oder Reisepass.

Schätzen Sie sich glücklich, wenn Sie alle diese Dokumente dabei haben. Danach müssen Sie vielleicht noch zeigen, dass alle Lichter funktionieren. Ist das der Fall, können sie wieder losfahren. Solle jedoch eines dieser Dokumente fehlen: Problem. Sind Fahrzeugausweis oder der Fahrausweis (oder beide) daheim, ist eine Busse fällig. Falls Sie jedoch entweder Reisepass oder ID daheim oder im Büro gelassen haben, wird es heikel: Die Polizei könnte Sie bitte, mit auf den Posten zu kommen, um dort einwandfrei Ihre Identität festzustellen. Was dann möglich ist: Rufen Sie jemanden an, der Pass oder ID auf den Posten bringt.

Im Vereinigten Königreich sieht das dagegen ganz anders aus. «Tut mir leid, ich hab den Fahrausweis wohl daheim gelassen» – «Kein Problem, kommen Sie mit dem Fahrausweis innerhalb der nächsten 24 Stunden auf den nächstgelegenen Posten» (Selbstverständlich kann dieser Dialog in Variationen stattfinden). Die Polizei fragt nicht nach dem Fahrzeugausweis – der ist als Kleber hinter der Windschutzscheibe angebracht. Und das Eröffnen eines Bankkontos ist sehr simpel: Zeigen Sie eine Gas- oder Telefonrechnung, mit oder ohne Fahrausweis, und Sie haben ihr neues Bankkonto. Vergessen Sie das in der Schweiz – kein Ausweis, kein Konto.

Reisepass, ID – in dieser Hinsicht bestehen einige Unterschiede zwischen der Schweiz und den angelsächsischen Ländern. Im Gegensatz zu Deutschland besteht keine Ausweispflicht (d. h. im Besitz eines Dokuments zu sein, welches einwandfrei die Identität feststellt), ob Schweizer oder nicht – und weder in der Schweiz noch in Deutschland besteht eine Pflicht, immer einen offiziellen Ausweis mit sich zu führen. Und Expats müssen auch nicht den Ausländerausweis immer dabei haben. De facto sollte Sie sich jedoch jederzeit ausweisen können – falls Sie, wie beschrieben, in eine Verkehrskontrolle kommen.

In den USA sind streng genommen weder Pass noch ID nötig, um zu zeigen, wer Sie sind. Ein Fahrausweis ersetzt den Reisepass (weil es ein Lichtbildausweis ist). Einige Staaten geben auch sogenannte «liquor cards» aus – sie zeigen, dass der Eigentümer alt genug ist, um Alkohol zu kaufen (älter als 21 Jahren in einigen Staaten). Und US-Bürger, Niedergelassene und (arbeitende) Zeitaufenthalter erhalten eine neunstellige «Social Security Number» (SSN), und die ist de facto ein Mittel zur Identifikation geworden. Übrigens ist das auch in der Schweiz möglich: Falls Sie weder ID noch Reisepass finden können, aber Ihren AHV-Ausweis dabei, kann dies helfen, Sie als den auszuweisen, der Sie sind.

Jenseits des Ärmelkanals sieht dies völlig anders aus. Es besteht weder eine Ausweispflicht  noch eine Pflicht, ein offizielles Ausweisdokument auf sich zu tragen. Das gilt auch für die Republik Irland – allerdings haben dort viele Menschen eine sogenannte «age card», ähnlich der «liquor card» in den USA. Und Briten brauchen nur dann einen Reisepass, wenn sie ins Ausland wollen. Aber erwähnen Sie ID dort, und eine hitzige Debatte geht los. Eine Beschneidung der Bürgerrechte, Diskriminierung von Minderheiten, enorme Kosten – dies sind die drei Hauptargumente der ID-Gegner im Vereinigten Königreich.

Nehmen wir sie unter die Lupe. Kosten: eine ID in der Schweiz, gültig für zehn Jahre kostet für Erwachsene 70 Franken (Porto inbegriffen), oder 7 Franken pro Jahr – das ist schon enorm, gell? Diskriminierung von Minderheiten? Wäre es nur dann, wenn Angaben über Religion oder Herkunft nötig sind, um eine ID zu bekommen – sind sie aber nicht, und es steht auch nicht auf der ID. Beschneidung der Bürgerrechte? Meinen sie dort das Recht, sich nicht ausweisen zu können, wenn es nötig ist? Sieht so aus.

Wie meine Kollegin beim Basel Journal, Bronwen Saunders, erklärt: «Ein traditionelles Argument gegen ID-Karten besagt, ein Engländer müsse nicht beweisen können, wer er ist, wenn er die Strasse entlang läuft. Nur scheint leider keiner zu erkennen, dass sich dann auch kein anderer ausweisen muss.» Eine Folge dieser Haltung ist Identitätsdiebstahl – und die Hersteller von Reisswölfen machen saftige Gewinne, weil viele sicher gehen wollen, dass ihre alten Rechnungen nicht in die falschen Hände fallen.

Und für alle, die glauben, ich würde in dieser Serie nur auf den Schweizern herumhacken: Ich fass es immer noch nicht, dass bei den Briten eine Gasrechnung reicht, um zu zeigen, wer ich bin (und das hab ich selber mal versucht, als ich in London lebte). Ich bevorzuge nach wie vor Pass oder ID, um zu beweisen, wer ich bin.

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