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Die kleinen Unterschiede 9: Regeln, Regeln, überall Regeln

Von Martin Pütter

Am Sonntag keine Wäsche aufhängen, kein Auto waschen oder keinen Rasen mähen, abends ab zehn Uhr Musik nur noch auf Zimmerlautstärke – Expats haben ihre Mühe mit Regeln, die Einheimischen (fast) selbstverständlich erscheinen.

Ich gebe zu, ein anderer Artikel inspirierte mich zu diesem Artikel in meiner Serie über kleine Unterschiede. Am 1. Dezember 2014 schrieb die Washington Times (nicht zu verwechseln mit der Washington Post) unter «Schweiz sucht qualifizierte ausländische Kräfte, aber geht gegen Immigration vor»: «Es wird der Schweiz schwer fallen, diese dringend benötigten, lukrativen ausländischen Kräfte zu halten, weil viele Ausländer nicht mögen, was sie bei den Schweizern als kalt, verschroben und verklemmt empfinden, und weil sie das hochregulierte Leben nicht mögen, wie Expats in der Schweiz in Interviews sagten.

Manche Leser mögen sich erinnern, dass ich zu diesem Artikel einen Kommentar schrieb. Damit war noch nicht Schluss. Es beschäftigte mich weiter, über Wochen – nicht nur, weil ich das streng regulierte Leben in der Schweiz schon auf meiner Themenliste hatte. Egal, ob sie den Artikel in der WT oder meinen Kommentar gelesen hatten, Expats ärgerten sich weiter über gewisse Dinge, die für Schweizer (fast) normal scheinen. Am meisten wurden dabei folgende Punkte erwähnt:

  • Sonntags darf keine Wäsche zum Trocknen aufgehängt werden.
  • Autowaschen am Sonntag ist nicht erlaubt.
  • Rasenmähen am Sonntag ist verboten.
  • Nach 22 Uhr ist es nicht gestattet, die Toilette zu benutzen, zu duschen oder zu baden.
  • In einem Mehrfamilienhaus, mit nur einer Waschmaschine (oder zwei) für alle Bewohner, ist deren Benutzung nach 22 Uhr nicht erlaubt.

Sind diese Regeln albern, dumm oder völlig verrückt? Was halten Sie von dieser Vorschrift für die Stadt Eureka in Kalifornien: «Ein Mann mit Schnurrbart darf keine Frau küssen.» Oder in Alabama gilt: «In Lee County ist der Verkauf von Erdnüssen nach Sonnenuntergang an einem Mittwoch verboten» (dies und mehr finden Sie auf www.dumblaws.com). Und wie die britische Zeitung Daily Telegraph zeigt, hat auch England verrückte Gesetze: «Innerhalb der Stadtmauern Yorks ist es erlaubt, einen Schotten zu töten, aber nur, falls dieser Pfeil und Bogen auf sich trägt», oder: «Es begeht Landesverrat, wer eine Briefmarke mit dem Konterfei des britischen Monarchen verkehrt aufklebt.» Und sofern ich mich nicht schwer irre, steht in Grossbritannien auf Landesverrat immer noch die Todesstrafe.

Sagen wir doch, dass alle Länder ihre, nun, speziellen Gesetze und Regeln haben. Nun könnte man fragen: Warum haben Expats Mühe mit den Regeln in der Schweiz? Hat es damit zu tun, dass nun ein Teil ihres Lebens geregelt ist, der es vorher, wo sie herkommen, nicht war? Oder sind sie unfähig oder unwillig, ein englisches Sprichwort anzuwenden (das ihnen sogar hilft): «Wenn in Rom, mach’s wie die Römer»? Ich werde diese Fragen nicht beantworten. Ich versuche vielmehr zu erklären, warum die Schweiz solch sonderbare Regeln hat.

Alles, was am Sonntag nicht erlaubt ist (Auto waschen, Rasen mähen), ist einfach zu erklären: «Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht» (Genesis 2,3). Ja, diese Aktivitäten sind nicht erlaubt, weil der Sonntag der Tag des Herrn ist, und diese Regeln zeigen, welchen Einfluss die Kirche hier immer noch hat. Die Schweiz ist kein rein säkularer Staat – 1980 lehnte das Schweizer Stimmvolk sogar eine vollständige Trennung von Staat und Kirche noch ab. Und wie viele wissen, zahlen wir in der Schweiz noch Kirchensteuer, wie einige andere Länder Europas auch.

Sie mögen nun fragen: Warum darf man nach 22 Uhr unter der Woche keine Wäsche mehr waschen? Oder die Toilette nicht mehr benutzen (diese Regel würde ich gern schriftlich sehen), oder Duschen, oder Baden? Was die Waschmaschine benutzen betrifft, fand ich dies: «Da man sich die Waschmaschine in der Schweiz oftmals teilt und sich diese im Keller unter einer bewohnten Wohnung befindet, ist es in den meisten Häusern verboten, an Sonn- und Feiertagen sowie über die Nacht zu waschen» (zu finden hier).

Es ist Respekt gegenüber Nachbarn, Verständnis für ihr Recht auf Ruhe zu gewissen Tages- und Nachtzeiten, warum die Regeln bestehen. Und obwohl die Schweiz einen Ruf für Effizienz und Qualitätsarbeit besitzt, trifft das nicht immer auf die Trennwände in Wohnhäuser zu. Als Beispiel: Wenn meine Nachbarin erkältet ist, höre ich sie husten in ihrem Schlafzimmer (welches an mein Wohnzimmer anschliesst) – sie kann dafür immer hören, welchen Radiosender ich eingeschaltet habe. In anderen Gebäuden kann man hören, wenn jemand in der Wohnung darüber duscht oder badet oder die Toilette benutzt – weil man das Wasser in den Rohren fliessen hört.

Ich erinnere mich daran, wie einer meiner Lehrer in der Schule erklärte, warum die Schweiz so stark regelt. Er sagte, die bewohnbare Fläche in der Schweiz sei klein, die Menschen lebten daher nah beieinander – und dann zitierte er den deutschen Dichter Matthias Claudius (1740 – 1815): «Die Freiheit besteht darin, dass man alles tun kann, was einem anderen nicht schadet.» Wie ich in meinem Kommentar zum WT-Artikel schrieb, leben in der Schweiz 426 Menschen auf einem Quadratkilometer. Oder wie die Basler Zeitung kürzlich berichtete, leben 84 Prozent der Bevölkerung auf 41 Prozent der Fläche.

Wenn so viele Menschen so nah beieinander leben, sollte man Phasen sicherstellen, in denen sie, oder ihre Kinder, sich ausruhen und schlafen können. Ich erinnere mich an eine Nacht vor etlichen Jahren, als ich in London lebte und ein Nachbar in der Parterre-Wohnung feierte. Nicht nur ich (im vierten Stock), sondern alle im Haus und den Gebäuden daneben blieben wegen der lauten Musik bis sechs Uhr morgens wach. Die Polizei erschien zwar einmal, hatte jedoch keine rechtliche Handhabe. Es war einer der (wenigen) Momente in Grossbritannien, in denen ich mir Regeln wie in der Schweiz wünschte.

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