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Inseln mit ihrem eigenen ursprünglichen Geist

Zur Forschung für ihr Buch „Die Schildkrötenfrau“ reiste Esther Murbach 2011 erstmals auf die Aran-Inseln. Die Basler Schriftstellerin schildert hier für The Basel Journal exklusiv, wie die irische Westküste ihre zweite Heimat wurde, und wie sie dort quasi eine Verwandte fand.

Meine Aran-Omi

Von Esther Murbach

Sie ist nicht wirklich meine Omi. Aber sie lebt in Aran, das heisst auf den Aran Islands vor der Galway-Bucht. Es sind ihrer drei – meine „Omi“ lebt auf Inis Mór, der „Grossen Insel“.

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Die “Omi”: Fiona im Buch, Deirdre im wahren Leben

Wie kam es, dass ich mir in Aran sozusagen eine Verwandte zulegte? Ich wurde im Oberbaselbiet geboren und bin in Basel aufgewachsen, habe fast mein ganzes Leben in Basel verbracht – bis ich 2011 die irische Westküste entdeckte. Sie ist seither meine zweite Heimat geworden. Zu Beginn dieses Jahres habe ich mir sogar eine eigene kleine Wohnung in Galway zugelegt. Und ich streckte meine Fühler über die Galway-Bucht aus, um spirituelle Wurzeln auf Inis Mór zu fassen.

Die Aran Islands, karge Kalkbrocken im Atlantik, sind eine Bastion der irischen Sprache, des Gälischen. Natürlich sprechen dort alle Englisch. Aber alle Hinweisschilder und Inschriften sind zweisprachig, oben gross auf Gälisch und unten klein auf Englisch.

Die Bevölkerung der Aran Islands lebte früher vom Fischen und von Strickwaren, die aus der Wolle ihrer Schafe produziert wurden. Diese Zeiten sind vorbei. Aran ist ein touristisches Mekka geworden, wie viele andere Orte auf dieser Welt, die ihren ursprünglichen Lebensstil ersetzen mussten. Von Pferdekutschen und Kleinbussen aus werden Sehenswürdigkeiten besichtigt, unter der Führung einheimischer Guides. Die touristische Hauptattraktion auf Inis Mór ist Dún Aonghasa, englisch Dun Aengus, ein Fort aus der Bronzezeit am Rande einer Klippe hoch über peitschenden Wellen. Das untenstehende Foto zeigt eine der äusseren Verteidigungsmauern und die “chevaux de frise”, einen Gürtel chaotisch geschichteter Steinbrocken, die dazu dienten, feindliche Angriffe zu behindern.

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Dún Aonghasa (englisch Dun Aengus)

Zurück zu meiner irischen „Omi.“ Mein erster Besuch auf Inis Mór im Jahr 2011 war Teil von Recherchen für den Roman, den ich damals gerade schrieb, “The Turtle Woman” – mein erstes Buch auf Englisch. Das Buch spielt zum Teil in Basel und Baselland, zum Teil in Irland. Ich hatte eine Grossmutter erfunden, die von der Insel stammte, und mir ein Bild von ihr in meinem Kopf gemacht. Sie hatte blau-silberne Augen und dunkelrote Locken. Im Buch heisst sie Fiona.

Das Buch erschien im Januar 2012. Danach besuchte ich Inis Mór erneut. Im Dorf Kilmurvy betrat ich ein Café in einem wunderhübschen traditionellen Cottage und wurde von einer Frau bedient, die mir sonderbar vertraut vorkam. Aber ich war mir sicher, dass wir uns nie zuvor begegnet waren. Es war Sympathie auf den ersten Blick, wir unterhielten uns kurz. Und plötzlich wurde mir klar, wer diese Frau war. Meine „Aran-Omi“, wie ich sie für mein Buch erfunden hatte. Ich sagte ihr, sie sei meine irische Grossmutter, was sie höchst amüsiert zur Kenntnis nahm, denn vom Alter her könnte sie meine Tochter sein. Ich versprach, ihr mein Buch aus Galway zu schicken. Sie las es und erkannte darin sich selbst sowie die Insel wieder. Im wirklichen Leben ist ihr Name Deirdre.

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Seither sind wir befreundet. Immer wenn ich nach Galway komme, mache ich einen Abstecher nach Inis Mór, wo ich ein willkommener Gast in ihrem Cottage bin. Sie ist die Jüngste aus einer Familie mit zwölf Kindern, auf der Insel geboren und aufgewachsen. Nachdem sie viele Jahre in den USA gelebt hatte, kehrte sie in ihre Heimat zurück, wo sie nun in dem Café arbeitet, das einer ihrer Schwestern gehört.

Als Kind dieser von ständigem Wind gezausten Inseln kannst du deine Wurzeln nie vergessen. Das harte Klima und die früher spärlichen Ressourcen haben eine Gesellschaft von grosser Solidarität geschaffen. Menschen, die sich ganz selbstverständlich umeinander kümmern und unendliche Gastfreundschaft pflegen. Die Bereitschaft, sich gegenseitig zu helfen und aufeinander zu schauen, prägt die kleine Gemeinschaft immer noch. Sie schliesst auch jene ein, die als Freunde angenommen werden. Einmal von ihnen akzeptiert,  wirst du als Mitglied des Stammes, der Familie behandelt. Sogar als Freund eines Freundes geniesst du Privilegien.

Vielleicht war ich in einem früheren Leben ein Kind der Insel, wer weiss. Es muss einen Grund geben, warum sich dieser Flecken Land im Atlantik in meinem Herzen und meiner Seele so vertraut anfühlt, und warum ich eine Aran-Omi erfand, bevor ich sie überhaupt getroffen hatte. Trotz des täglichen Ansturms von Touristen kann man auf Aran immer noch Frieden, Stille und Raum für Meditation finden. Der ursprüngliche Geist der Inseln lässt sich nicht vertreiben.

www.aranislands.ie
www.esthermurbach.ch
http://www.il-verlag.com/autoren/murbach-esther/die-schildkrötenfrau/

Bilder: Esther Murbach (3), Wikipedia (1) – Karte: Wikipedia

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