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Integration in der Schweiz – ein schwieriges Unternehmen?

Kürzlich veröffentlichte die Plattform InterNations die neueste Studie des „Ease of Settling In Index“ (2017). Diesmal belegt die Schweiz den 61. Rang von insgesamt 65. Plätzen. Damit ist sie zum vierten Mal in Folge auf den letzten Rängen gelandet. Grund: den Schweizern und Schweizerinnen wird ein schlechtes Sozialverhalten nachgesagt.

Ein Kommentar von Nicole J. Bettlé

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Von Schweizern umringt, aber meist unter sich: So fühlen sich die meisten Expats in der Schweiz

Die Expats-Index-Studie hat erneut die grosse soziale Unzufriedenheit der Expats in der Schweiz offengelegt. Aber schafft man sich Freunde durch Klagen über das Gastgeberland? Wohl eher nicht. Aber mit Gegenargumenten kommt man für gewöhnlich auch nicht sehr weit. Also ändern wir einfach mal die Perspektive. Die Studie bestätigt nämlich zum wiederholten Male: Kaum eine Nationalität auf diesem Globus weiss sich im Ausland so gut zu integrieren wie die Schweizer.

Fast 800‘000 Schweizer und Schweizerinnen leben und arbeiten im Ausland. Über sie heisst es im neuesten InterNations-Bericht kurz und knapp: Schweizer Expats passen sich sehr schnell an das Leben ausserhalb ihrer Heimat an. Sie haben kaum Probleme mit der Integration im Ausland, da sie sehr gute Sprachkenntnisse besitzen, sich Freunde in der lokalen Bevölkerung suchen und, sollte sie Amors Pfeil treffen, sogar Liebesbeziehungen mit Einheimischen eingehen.

Und wie sieht es mit den Expats in der Schweiz aus? Der überwiegende Teil beklagt sich über die Mentalität und Kultur ihres Gastlandes. Ihrer Meinung nach sind die Eidgenossen zu reserviert, zu distanziert und zu traditionell eingestellt. 68% der Befragten geben an, es sei schwer, in der einheimischen Bevölkerung Freunde zu finden. 50% der Expats halten die Eidgenossen zudem für generell unfreundliche Gesellen.

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Die Schweiz hat nicht nur ihre ureigenen Traditionen und Trachten…

Sozialisierung
Wer sich integrieren will, sucht sich am besten Freunde in der einheimischen Bevölkerung. Weit über die Hälfte der Expats in der Schweiz hat damit ein Problem. Warum haben Schweizer Expats keine Schwierigkeiten, Freundschaften im Ausland zu schliessen?

Schweizer und Schweizerinnen sind reserviert. Persönliche Fragen und Aufdringlichkeiten sind für sie ein Tabu. Ungerechtfertigt blindes Vertrauen einzufordern ebenso. Sie nähern sich unbekannten Personen lieber langsam an. Kein Wunder, werden reservierte Schweizer Expats im Ausland daher als respektvoll und unaufdringlich wahrgenommen.

Herr und Frau Schweizer sind im Ausland ausserdem lieber inkognito unterwegs und meiden oft die eigenen Landsleute. Irrtümlich für Einheimische gehalten zu werden betrachten sie als Kompliment. Auch die beliebte Frage Englischsprechender „Woher kommst du?“ stellen sie im Ausland nicht. Denn anderen indirekt zu unterstellen, Ausländer im eigenen Land zu sein, betrachten sie als eine Beleidigung.

Und wie sieht es bei den Expats in der Schweiz aus? Die Meisten bleiben lieber unter sich. 52% der Befragten geben an, bereits andere Expats als Freunde zu haben. Grund: eine sehr grosse Anzahl an Expats im Kollegenkreis und überhaupt generell viele von ihnen, die in der Schweiz leben. Warum sich also überhaupt erst die Mühe machen?

Kulturelle Unterschiede
Wer sich integrieren will, muss die kulturellen Gebräuche eines Landes respektieren und sich ihnen anpassen. Genau die Hälfte der Expats in der Schweiz (50%) hat aber damit ein Problem. Warum haben Schweizer Expats keine Schwierigkeiten damit?

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…sie hat auch ihre ganz eigenen Sportarten wie das Schwingen, aber…

Schweizerinnen und Schweizer sind distanziert. Ihnen ist klar: um akzeptiert zu werden und sich integrieren zu können, muss man seinen Horizont erweitern und eine fremde Kultur verstehen lernen. Und am besten beobachten und lernen lässt es sich aus der Distanz. Nur so vermeidet man es auch, ständig ins Fettnäpfchen zu treten.

Und die Expats in der Schweiz? Die traditionellen Gebräuche der Eidgenossen sind laut Index-Studie ein besonderer Dorn im Auge sehr vieler Expats. Viele beschweren sich über den Fahnenkult, die Anzahl der Begrüssungsküsschen und das ständige Händeschütteln, über Kuh- und Kirchglocken oder über Hornsignale, die von den Schiffen abgegeben werden. Und nicht genug. Um die neue Heimat nach den eigenen Massstäben umzukrempeln, ziehen manche sogar vor Gericht. Welches Land hat an solchen Leuten eine Freude?

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…so manches typisch schweizerisches wie etwa Kuhglocken ärgert Expats derart, dass sie vor Gericht gehen, um dies einzustellen – und wundern sich dann, wenn sie unter Schweizern keine Freunde finden.

Sprachbarriere
Ein zweites Hauptproblem für die Expats in der Schweiz stellt gemäss der Index-Studie die Sprachbarriere dar (42%). Warum haben Schweizer Expats keine Schwierigkeiten, sich innerhalb kürzester Zeit in einer neuen Landessprache zu verständigen?

Eine neue Sprache zu erlernen ist für Herr und Frau Schweizer genau so schwierig wie für alle anderen Nationalitäten auch. Dass die Schweiz gleich vier Landessprachen vereint, macht es nicht leichter. Tatsächlich erinnert sich ein Grossteil nur mit Grauen an den Fremdsprachenunterricht in der Schulzeit zurück. Aber die Eidgenossen haben gelernt, Anderssprachigen Respekt entgegen zu bringen. Ein ungeschriebenes Gesetzt gibt es ihnen vor: in der Deutschschweiz spricht man Deutsch, in der Romandie spricht man Französisch und im Tessin Italienisch. Genauso handhaben sie es im Ausland.

Und die Expats in der Schweiz? Ganze 61% geben an, sie könnten sich relativ gut in der Landessprache verständigen. 11% rühmen sich sogar, sie so gut wie ihre Muttersprache zu beherrschen. Doch über welche der vier „Landessprachen“ sprechen wir hier? Darüber liefert die Index-Studie keine Informationen.

Sie informiert jedoch darüber, dass Expats im deutschsprachigen Raum die grössten Anpassungsprobleme haben. Grund: die vielen Dialekte. Die Schweizer sprechen Schweizerdeutsch, das so entfernt vom Hochdeutschen ist, dass selbst Deutschsprachige sie nicht verstehen können, beklagt sich ein US-Amerikaner auf der InterNations-Plattform.

Vielen Expats ist nicht bewusst, dass Hochdeutsch für die Eidgenossen eine Fremdsprache ist. Zwar verstehen sie es sehr gut, das Sprechen (und nicht selten auch das Schreiben) stellt jedoch für einen Grossteil eine regelrechte Tortur dar. Daher reden sie oftmals auch lieber Englisch mit Expats. In ihren Augen ein Akt der Freundlichkeit. Doch auch darüber beschweren sich viele Expats.

Dabei haben Schweizer Expats mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Auch Schotten, Iren, Waliser, Texaner oder Australier haben ihren eigenen Slang. Doch die Eidgenossen beschweren sich nicht, sondern schulen vielmehr ihr Verständnis. Sie kennen es nicht anders. Schliesslich können die Basler oftmals auch die Appenzeller, Urner oder Walliser nur schwer verstehen. Treffen sie aufeinander, wird vielmehr gemeinsam herzhaft über die sprachlichen Unterschiede gelacht.

Friedliche Integration
Die Eidgenossen sind stolz auf ihre Mentalität und ihre Traditionen, die das Zusammenleben und damit den Frieden fördern. Ihre Friedfertigkeit beweisen sie auch im Ausland immer wieder. Die Idee, ihren Gastländern die eigene Mentalität oder Sprache aufzuzwingen, liegt Ihnen fern. Auch auf den Gedanken, sich in der InterNations-Befragung über ihre Gastgeber zu beklagen, kommen sie nicht.

Aber natürlich ist niemand perfekt. Wir alle haben unsere Eigenheiten. Die Eidgenossen besitzen eine harte Schale (und dazu sehr dicke – die Redaktion) und einen weichen Kern. Oberflächlichkeit liegt ihnen nicht. Sie tun sich schwer mit Nationalitäten, deren Oberfläche weich und deren Kern steinhart ist. Ihre Devise: erst die Arbeit, dann das Vergnügen. In der Schweiz Freunde zu finden ist daher auch für Einheimische nicht leicht. Man muss Zeit investieren und vor allem Ausdauer und Respekt beweisen.

Ändern wir zum Schluss noch einmal die Perspektive. Laut Index-Studie beklagen sich 68% der Expats, keine Schweizer Freunde zu finden, 50% von ihnen halten die Eidgenossen für generell unfreundlich und 42% haben Probleme mit den Landessprachen. Mit anderen Worten: 32% haben bereits Freunde in der Bevölkerung gefunden, 50% von ihnen lebt in freundlicher Eintracht mit den Einheimischen und für über die Hälfte stehen die Chancen gut, irgendwann dank ihrer Sprachkenntnisse Anschluss zu finden. Das sind doch positive Nachrichten, nicht wahr?

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