. .
Ad Ad
Beliebteste Posts
Letzte Kommentare
Neueste Posts
Kategorien
Tag Cloud

Katrina – zehn Jahre danach

Besonders Expats US-amerikanischer Abstimmung werden sich erinnern, wie Hurrikan Katrina vor zehn Jahren die Schlagzeilen dominierte.

Ende August vor zehn Jahren tobte Hurrikan Katrina, der folgenschwerste Sturm der USA, und  verwüstete die südlichen Staaten Mississippi, Alabama und Louisiana. Nach dem Bruch der Dämme in New Orleans fielen drei Viertel der Stadt dem Wasser zum Opfer. Geschätzte 1.500 Menschen kamen ums Leben, über eine Million wurden obdachlos, viele davon konnten nach ihrer Evakuierung bis heute nicht zurückkehren, wurden entwurzelt und verloren ihr soziales Umfeld.

Die freie Journalistin Sabine Theil verbrachte 2005 einen Teil ihrer Ferien mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in New Orleans und erlebte vor Ort den Hurrikan, die Überschwemmungen, die Plünderungen, das Ausgehverbot, die Erklärung des Kriegszustandes, die Panzer und bewaffneten Soldaten, die Nachrichten von den ersten Morden, Vergewaltigungen, die Hoffnungslosigkeit, die katastrophalen Zustände, das Leid der Menschen, das ohnmächtige Warten auf Hilfe und den Durst. Um sich als Beobachter und nicht als Opfer zu fühlen, schrieb sie das Erlebte auf. Hier einige Auszüge von Ihrem Aufenthalt in New Orleans:

 

Donnerstag, 25. August 2005

Miami:

Wir kommen gerade vom Strand zurück und erhalten eine Warnung: Ein tropischer Sturm namens Katrina bewegt sich auf die Ostküste der USA zu und wird bei Miami auftreffen. Für den kommenden Tag buchen wir Flüge mit dem Ziel New Orleans.

 

Freitag, 26. August 2005

Miami/New Orleans:

Letzte Nacht gab es heftigen Regen und Sturm, der einige Bäume entwurzelte und Häuser beschädigte. Der tropische Sturm hatte sich in der Nacht zum Hurrikan Stufe I entwickelt,  Miami aber lediglich gestreift.  Die Schäden halten sich so in Grenzen. Weitere Voraussagen: „Katrina bewegt sich an der Ostküste entlang nach Norden weiter“.   Mit einigen Stunden Verspätung fliegen wir Richtung New Orleans. Wir sind begeistert. Eine tolle Atmosphäre. Es gibt viel zu entdecken. Die Menschen feiern und tanzen auf der Straße. Wir entdecken ein Lokal mit dem Namen „Hurricane City“.

 

Samstag, 27. August 2005

New Orleans:

Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg  in einen Waschsalon. Dessen Besitzer vernagelt seine Schaufenster und fragt uns, was wir hier eigentlich machen. Katrina hätte letzte Nacht seine Richtung geändert und „der Sturm unseres Lebens“ würde nun direkt auf New Orleans zurasen.

Im Hotel weiß niemand darüber Bescheid. Wir versuchen einen Flug zu bekommen, egal wohin, einfach weg. Keine Chance. Alle Flugzeuge sind in Sicherheit gebracht und ausgeflogen worden.

Ratlosigkeit.

Das Telefon klingelt. Eine Reisebüromitarbeiterin von FTI informiert uns über den Hurrikan Katrina. Ihr Rat: Sofort unser Hotel zu verlassen und Zimmer im Astor Crowne Plaza an der Canal Street zu nehmen. Das sei am sichersten gebaut. Sie würde uns gerne abholen lassen, aber es wird niemand mehr nach New Orleans rein gelassen. Wir sollen uns beeilen, sonst würden wir evakuiert und zum Superdome gebracht werden.

Im Hotelpool plantschen unbeschwert Gäste. Wir bemerken, dass die Hängelampen im Hotel festgebunden werden und reservieren unsere neuen Zimmer.

 

Sonntag, 28. August 2005

New Orleans:

Die Bewohner New Orleans‘ verlassen zu Hunderttausenden die Stadt. Unendlich lange Autoschlangen – vollbepackt mit Menschen und Wertsachen. Familienangehörige der Hotelangestellten dürfen sich  im Crowne Plaza Hotel in Sicherheit bringen. Es gibt kein Benzin mehr. Der Hurrikan rast inzwischen mit 280 Stundenkilometern (175 mph) und hohem Druck weiter direkt auf New Orleans zu. Der Kommentator im Fernsehen: „Es wird sein, als ob man vom Zug überfahren würde“. Eine riesige Flutwelle wird erwartet, die alles unter sich begraben wird. Preiserhöhungen werden verboten. Es beginnt in Strömen zu regnen. Vor dem Superdome stehen rund 10.000 Menschen. Der Hurrikan ist noch etwa 350 Kilometer (220 Meilen) von New Orleans entfernt.

18:00 Uhr: Immer noch rund 5.000 Menschen vor dem Superdome – vom Regen völlig durchnässt. Die Kontrollen nach Waffen, Feuer, Alkohol und Drogen werden genauestens durchgeführt. Die Temperatur steigt an.  Der  Fernseh-Kommentator: „This is a once in a life storm“ und „Monster Storm – pray for New Orleans“. Er informiert auch darüber, dass alle  Sicherheitskräfte und Hilfsdienste aus der Stadt gebracht wurden. „Es nützt also nichts, “911” anzurufen – es wird niemand kommen“. Bürgermeister Ray Nagin mahnt im Fernsehen: „Leave – Leave now“.

 

Montag, 29. August 2005 

01:00 Uhr:  Erste Brände werden gemeldet. Katrina wird auf Stufe V auf der Skala von I bis V hochgestuft.

03:30 Uhr: Von den Hotelzimmerdecken fließt das Wasser runter.

05:44 Uhr: Der Hurrikan peitscht wie wahnsinnig. Die Fensterscheiben sind glühend heiß. Es ist so laut, als stünde man neben einem startenden Flugzeug. Tornado-Warnungen. Noch hofft man, dass Katrina östlich abdriftet. Jede Meile würde was bringen. Die Hotellobbys sind bereits überflutet. Stromausfall. Alle Hotelgäste drängen sich zur Sicherheit in den Ballsaal – dort gibt es keine Fenster. Die Hotel-Alarm-Sirene lässt alle zusammenzucken.

07:46 Uhr: Wir erhalten eine SMS von meinen Eltern: „Wir wünschen euch alles Glück dieser Welt und sind in Gedanken bei euch“. Hundehäufchen in den Fluren. Erste Nachrichten: Häuser überflutet, das Dach vom Superdome beschädigt – dort harren 26.000 Menschen aus.

11:30 Uhr: das Auge des Sturmes ist über New Orleans angekommen. Für einen Moment scheint alles gespenstisch still zu stehen. Dann hört es sich an, als ob irgendwo eine Bombe eingeschlagen wäre. Das Hotel Hyatt gegenüber, in dem sich Bürgermeister Ray Nagin aufhält, hat es bös erwischt – fast alle Scheiben herausgeschlagen. In unser Hotel dringt an vielen Stellen Wasser ein, aber sonst scheint das Astor Crowne Plaza standzuhalten. Kein Netz mehr, kein Radio-/Fernsehempfang, keine Verbindung zur Außenwelt. Die Hotelgäste verhalten sich ruhig, verharrend, abwartend – nur die Kleinsten weinen. Vielen ist klar, dass sie inzwischen kein Zuhause mehr haben.

17:00 Uhr: Der Sturm hat sich gelegt. Die Türen des Hotels werden geöffnet. Endlich frische Luft. Es windet noch recht stark. Immer wieder fallen Teile von beschädigten Gebäuden auf die Straße.

20:30 Uhr: Sperrstunde. Wer sich danach noch auf der Straße befindet, gilt als Plünderer. Auf dem   Gehsteig vor unserem Hotel liegt ein toter Vogel.

5_NewOrleans2005_08_30_WasserimundvordemHotel
Am Tag nach dem Hurrikan (Foto: Autorin)

Dienstag, 30. August 2005

08:30 Uhr: Bestialischer Gestank auf den Fluren, der Teppichboden auf den Hotelfluren macht schmatzende Geräusche beim Gehen. Auch die Wände sind feucht. Urinflaschen und volle Windeln vor den Türen, keine Klimaanlage, kein Lift, keine funktionierenden Toiletten, Fäkalien neben den Toiletten, keine frische Luft, Zigarrenqualm, nur noch einmal pro Tag Essen. Für die Gäste mittags, für die Angestellten und deren Familien abends, Frühstück gibt es nur noch für Kleinkinder. Kaum noch Trinkwasser vorhanden. Polizisten holen mit Gewalt Leute aus dem Hotel. Überall Müll und leere Schuhschachteln aus dem Schuhgeschäft gegenüber dem Hotel. Es gibt keine Möglichkeit aus New Orleans wegzukommen.

11:50 Uhr: Uns läuft der Schweiß. Wir erfahren von Polizisten, dass es im Superdome mit 26.000 Menschen keinen Strom und kein Wasser gibt. Sie berichten von Vergewaltigungen, Überfällen, Morden. Vor dem Hotel machen zehn Soldaten in einer Reihe mit Maschinenpistolen Jagd auf Plünderer. Wir beobachten Polizisten, die sich ebenfalls am Plündergut „bedienen“. Der Ausnahmezustand wird verhängt, das Kriegsrecht ausgerufen mit dem Befehl der Gouverneurin von Louisiana, Kathleen Blanco: „Shoot to kill“. Unser Hotel wird verbarrikadiert. Wir sind eingesperrt.

13:00 Uhr:  Stromausfall. Kein Diesel mehr für das Notstromaggregat. Treppenaufgang und Hotelflure sind stockdunkel. Immer noch keine Verbindung zur Außenwelt. Militärhubschrauber ziehen ihre Kreise. Die Stadt steht größtenteils unter Wasser. Auch unsere Hotellobby. Ein pinkfarbener Flip Flop schwimmt am Hotel vorbei, bald drauf eine einarmige Schaufensterpuppe. Unsere Zimmernachbarin sucht ihren Koffer. Erste Schüsse. Geschrei.

18:20 Uhr: Polizisten informieren, dass durch den Dammbruch immer mehr Wasser in die Stadt fließt. Auch innerhalb des Hotels hat das Hamstern nach Lebensmittel und Wasser begonnen. Schriller Alarm. Keiner weiß warum. Der Hotelmanager verspricht, uns am nächsten Morgen mit einem Hotel-Fahrzeug nach Baton Rouge zu bringen.

???????????????????????????????
Am Tag nach dem Hurrikan, Aussicht von einem der Hotelbalkons aus  (Foto: Autorin)

Mittwoch, 31. August 2005

03:00 Uhr: Die Hitze und die feuchte Luft sind unerträglich. Das Atmen fällt schwer.

08:50 Uhr: Unser versprochenes „Rettungsauto“ wurde inzwischen von einem Hotelangestellten entwendet. Wir packen trotzdem und tragen das Gepäck durch das Wasser ins Freie. Es soll ein Bus organisiert werden. Mein Mann begleitet den Hotelbesitzer Pat Quinn auf der Suche nach einem Bus.

10:00 Uhr: Ein gelber Schulbus fährt vor. „Alte und Kranke zuerst“. Auch ein Papageienkäfig wird eingeladen. Wir sind weder alt noch krank und bleiben in der Hoffnung auf den versprochenen zweiten Bus stehen. Panzer, voll beladen mit Soldaten, die ihre MPs im Anschlag halten, fahren an uns vorbei.

14:00 Uhr: Immer noch kein Bus. Der Hotelbesitzer fährt uns mit seinem privaten Auto vorbei an brennenden Häusern, durch das Wasser zu einem anderen Hotel, wo es Hilfe geben soll. Mein Mann bleibt aus Platzmangel zurück. Er wird nachkommen. Das Hotel, zu dem uns Pat Quinn bringt, liegt etwas höher. Hier sind die Straßen noch trocken. Viele Menschen sind unterwegs, ihre Kinder und ihr Hab und Gut in entwendeten Einkaufswagen oder Kinderbettchen mit Rollen verstaut. Sie versuchen, Schutz zu finden, schreien „Das Wasser kommt – helft uns – wo sollen wir denn hin?“. Die Hotelbesitzerin will die Hoteltüren mit Seilen verschließen. Panik überall. Mein Mann ist längst überfällig. Wir hindern die Besitzerin am Verschließen der Türe und lassen die hilfesuchenden Menschen ins Hotel. Endlich erscheint auch mein Mann. Wir beschließen, zum Convention Center zu gehen, dass allerdings direkt am Mississippi liegt. Dort soll es Busse geben…

15:00 Uhr: Wir kommen am Convention Center an. Es entpuppt sich als aussichtslose Hölle in der sengenden Sonne. Seit Tagen schon warten hier Tausende von Menschen und wimmernde Kinder – zum Schreien haben sie keine Kraft mehr – auf Hilfe.  Das Riverwalk Shoppingcenter ist bereits ausgeplündert. Verzweiflung überall. Kein Trinkwasser. Immer wieder landen Militärhubschrauber und spucken bewaffnete Soldaten aus – aber  keine Hilfe. Auch Verletzte und regungslos am Boden liegende Menschen werden nicht beachtet. Um uns herum wird es immer stiller.

???????????????????????????????
Viele bewaffnete Soldaten – aber lange keine Hilfe (Foto: Autorin)

16:00 Uhr: In zwei Stunden wird es dunkel sein – stockdunkel. Mein Mann kann sich ein Fahrrad ausleihen und fährt damit vorbei an Panzern, durch das Wasser zum Astor Crowne Plaza zurück. Er möchte den Hotelbesitzer Pat Quinn nochmals bitten, uns zu helfen.  Nach einer halben Stunde ist er zurück – mit einer guten Nachricht: „Pat Quinn wird mit zwei Autos kommen, um uns abzuholen. Wir sollen uns bereithalten“.

17:10 Uhr: Wir erkennen die anfahrenden Fahrzeuge – den Mercedes und einen Pick up. Um ein Erstürmen der Fahrzeuge durch andere Menschen zu verhindern, rennen wir gemeinsam los und springen in die noch leicht rollenden Fahrzeuge. Wir werden zum Sheraton Hotel gefahren, das für seine Hotelgäste mehrere Busse organisieren konnte. Dort können wir uns als „Gäste“ unterschmuggeln und schaffen es gerade noch in den letzten Bus. Nach uns schließen sich die Türen und wir fahren los mit Polizeischutz Richtung Dallas – vorbei an überfluteten Vierteln. Erst jetzt können wir das Ausmaß dieser Katastrophe erkennen. Wir sind in Sicherheit. Doch was ist mit den Tausenden von Menschen, die zurückgeblieben sind?

 

Schlussbemerkung:

Tagelang noch verfolgten wir das Geschehen im Fernsehen. Tag um Tag und Nacht um Nacht verging und es kam immer noch keine Hilfe für die Zurückgebliebenen, mussten Menschen noch Tage nach dem Hurrikan sterben. Bürgermeister Ray Nagin schrie ins Mikrofon um Hilfe: „Jetzt bewegt endlich euren Arsch“. Noch zwei bis drei Tage und Nächte mussten die rund 40.000 Menschen – fast ausnahmslos farbige Bevölkerung – vor dem Convention Center ausharren, bevor die Hilfsaktion endlich griff und den Menschen Nahrungsmittel und vor allem Wasser gebracht wurde. Mit unzähligen Bussen wurden die Menschen in Auffanglager abtransportiert.

Wir verfolgten im Fernsehen mit Bitterkeit, wie US-Präsident Bush medienwirksam Menschen umarmte und sich als Tröster aufspielte. Mit Entsetzen dachte ich daran, wie viele weitere Menschen inzwischen an Erschöpfung gestorben sein mussten und fing an zu weinen, vor Wut und vor Trauer um all diese Menschen, die aus für mich unerklärlichen Gründen eine Woche lang ihrem Schicksal überlassen wurden, aber ich weinte auch vor Glück, dass meine Familie und ich es aus diesem Krisengebiet fast schadlos herausgeschafft haben.

Entschuldigung, die Kommentare sind für diesen Post geschlossen.