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Die kleinen Unterschiede (11): Zeit zum Essen – nur wann?

Ob schlicht als Ernährung oder zum Geniessen – essen wollen sowohl Einheimische als auch Expats. Allerdings sind die Zeiten unterschiedlich, wann wer welche Mahlzeit einnimmt.

Von Martin Pütter

Als ich mir kürzlich wieder einmal „Die Gefährten“ (Teil eins der Trilogie „Herr der Ringe“) ansah, musste ich bei einer Szene erneut lachen. Kurz nach Verlassen des Auenlands beklagt sich Peregrin „Pippin“ Tuk, dass er auf das zweite Frühstück verzichten muss und fragt, was mit all den anderen Mahlzeiten des Tages geschehe. Kurz darauf trifft ihn ein Apfel am Kopf, den ihm Aragorn zugeworfen hat (hier ist ein Link zum YouTube-Clip dieser Szene). Mich amüsierte dabei die Liste mehr als der Apfeltreffer – und es erinnerte mich an einen weiteren kulturellen kleinen Unterschied zwischen Baslern und den Expats: die verschiedenen Mahlzeiten und wann sie eingenommen werden.

Mein guter Freund Bob machte mich vor ein paar Jahren als Erster darauf aufmerksam, als er fragte: „Warum nehmen die Schweizer das Mittagessen schon um halb zwölf ein?“ Ich wollte schon widersprechen, als mir zweierlei einfiel. Während meines Abstechers vom Journalismus (dreieinhalb Jahre in der Branche für wirtschaftliche Dienstleistungen) gingen ein paar Kollegen jeweils um halb zwölf Uhr zum Mittagessen. Und bei meinen (zum Glück ganz wenigen) Krankenhausaufenthalten kam das Mittagessen immer um halb zwölf. Aus meiner Zeit in Grossbritannien erinnere ich mich aber, dass Lunch dort um 13.00 Uhr beginnt – und kein Pub würde es vorher servieren.

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Andere Länder, andere Zeiten für die Mahlzeiten

Die zeitlichen Unterschiede (d. h., wenn die Mahlzeiten eingenommen werden) sind nicht beschränkt auf das Mittagessen. „Pippin“ (s. oben) erwähnt (in der englischen Version) auch „elevenses.“ Das wird elf Uhr vormittags eingenommen, meist eine Tasse Tee oder Kaffee sowie Biskuits. Die Schweizer nennen das „Z’Nüni“ – „zu neun (Uhr). Heutzutage kann diese Essenspause auch schon mal um zehn Uhr sein (heisst aber immer noch „Z’Nüni).

Und da wäre noch der Nachmittag. Die Engländer nennen das „Afternoon Tea“ oder „Fünf-Uhr-Tee“ – laut Wikipedia wird er „zwischen 15 und 17 Uhr serviert“ (Wikipedia Englisch nennt andere Zeiten). Die Schweizer haben hingegen ihr „Z’Vieri“ – analog zu „Z’Nüni“ also „zu vier (Uhr). Gemäss Klischee sind die Schweizer dabei pünktlich, aber Klischees sind auch nicht mehr, was sie waren.

Um es zusätzlich zu komplizieren: Es besteht (oder bestand) regionaler und sozialer Unterschied in Grossbritannien. High Tea/Afternoon Tea, wie von der Herzogin von Bedford Mitte des 19. Jh. eingeführt, war eine Mahlzeit für die wohlhabenden Klassen, um den Hunger zwischen Mittag- und Abendessen zu stillen. Für Arbeiter sowie in Schottland, Nord- und Mittelengland sowie Irland war und ist „Tea“ ein leichtes Abendessen. Mein TBJ-Kollege Nigel Hulbert erklärt: „Als ich in den [Jahrzehnt gestrichen – die Redaktion] aufwuchs, war in den Midlands und den Arbeiterklassen für die Hauptmahlzeit zur Mittagszeit immer noch der Begriff „Dinner“ gebräuchlich. Das Abendessen (‚Tea‘) bestand aus Sandwichs oder aus Brot und Käse, und natürlich auch Tee. ‚Tea“ war zwischen 17 und 18 Uhr.“

Langsam scheinen die Unterschiede bei den Mahl-Zeiten jedoch zu verschwinden. Nahrung wird nun oft eingenommen, wenn jemand hungrig ist, egal wann, egal wo – manche Leute holen sich was aus einem Automaten und essen das, während sie arbeiten. Ebenfalls scheint zu verschwinden, was meine gute Freundin aus den USA und frühere TBJ-Kollegin Mary Alakhdar feststellte: „Was mich bei Mahlzeiten besonders interessierte, war die Tatsache, dass Restaurants oft zwischen Mittag- und Abendessen schlossen, nicht vor 18 Uhr wieder aufmachten. In den USA sind die Menschen unterwegs, essen ein spätes oder normales Frühstück, oder wollen am Nachmittag etwas essen und dann nur was kleines, bevor sie ins Bett gehen. Restaurants servieren Essen den ganzen Tag hindurch.“ Gut, manche Restaurants in der Region Basel machen die Küche am Nachmittag immer noch dicht. Die Schlangen bei Fast-Food-Restaurants und Kebab-Shops, die rund um die Uhr offen sind, deuten darauf hin, dass sich Essenszeiten und -gewohnheiten aber auch hier ändern.

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