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Liebe Leserinnen und Leser

Rund 32 000 Expats leben in der Region Basel. Wie leben sie eigentlich? Wie fühlen sie sich? Mit diesen Fragen haben wir im Rahmen unseres Projekts «Junge Journalisten» drei Teams von Schülerinnen losgeschickt. Sie haben verschiedene Zugewanderte befragt, haben ihre Eindrücke beschrieben und auch ihre Meinungen einfliessen lassen. Die Texte sorgten in unserer Redaktion für Wirbel: Die Aussagen seien plakativ, zu verallgemeinernd, provokativ oder gar falsch. Manches haben wir weggekürzt. Aber nicht alles. Denn was die jungen Menschen hier beschreiben, ist letztlich ihr eigener Eindruck, ihre Wahrnehmung. Sie machen niemanden schlecht, lassen aber möglicherweise Vorurteile einfliessen. Und deshalb sind Sie, liebe Leserinnen und Leser gefragt.

Schreiben Sie uns Ihre Meinung zu dieser Reportage! Da dieser Artikel keineswegs repräsentativ ist, interessiert uns, wie Sie unsere multikulturelle Gesellschaft erleben! Sind Sie Schweizerin oder Schweizer? Sind die zugezogen? Wie leben Sie als Expatriat? Wie erleben Sie die Schweizer? Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften via Mail oder auf Facebook.

Herzlichst, Ihre Redaktion.

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Eine Reportage mit Expats und anderen Immigranten. Zufällig ausgewählt und interviewt von jungen Journalistinnen, für die unsere Multikulti-Gesellschaft Selbstverständlichkeit ist.

 

Susan* and other Moms

Von Camilla Wyder und Vera Schmid

Wir stehen vor einem grossen grauen Gebäude etwas ausserhalb von Reinach. An der Hauswand hängt ein Schild mit der Aufschrift «ISB-International School Basel». Ein grosser, luxuriöser Wagen mit Schweizer Kennzeichen fährt vor. Der Besitzer des Porsche Cayenne ist weder ein Mann mit Anzug und Aktenkoffer, noch eine gestylte Dame mit eleganter Robe. Vielmehr steigt eine Frau mittleren Alters in bequemer Kleidung und leicht zerzaustem Haar eilig aus dem Auto. Susan entspricht unseren Vorstellungen einer typisch amerikanischen Mom. Mit ihrer freundlichen und zugleich etwas gestressten Art spricht sie über ihr Leben als Expat. Die Unterschiede zwischen der Schweiz und ihrem Heimatland erweisen sich als nicht besonders gross. Aber während die amerikanischen Städte geprägt seien von Lärm und stockendem Verkehr erlebe sie Basel als ruhigen und harmonischen Ort.

Susan ist berufstätig. In der Personabteilung einer grossen Firma nimmt die vielbeschäftige Frau eine wichtige Position ein. «Ich habe die Verantwortung für neun Länder», sagt sie stolz.

Die Arbeitsatmosphäre in Schweizer Unternehmen unterscheide sich vor allem in zwei Punkten, wie uns auch weitere Expats bestätigen. Ihnen zufolge sind einerseits die Umgangsformen hierzulande lockerer als beispielsweise in den USA, wo alles einiges formeller abläuft. Andererseits habe man in Amerika die Möglichkeit, von zuhause aus zu arbeiten, während die Schweizer in diesem Punkt weniger flexibel sind. Die Expats schätzen aber die vielfältige Durchmischung der Nationen und Kulturen bei ihrer Arbeit und empfinden sie als eine Bereicherung.

Für viele Expats steht alle drei bis fünf Jahre ein Umzug in ein anderes Land an. Dies bestätigt Sabine Lütte, die für einen Welcome Service arbeitet und täglich mit vielen Expats in Kontakt steht. Sie begleitet die Neuankömmlinge während der ersten Monate in der Schweiz und hilft ihnen bei der Suche nach Unterkünften und Schulen. Auch bringt sie ihnen das System der Krankenkasse näher und begleitet sie (falls nötig) in den ersten Wochen beim Einkaufen. Bei der Geschlechterverteilung der arbeitenden Expats gäbe es interessante Unterschiede. Bei Singles liege die Verteilung bei rund 70 Prozent Männern zu 30 Prozent Frauen, während bei Familien in 90 Prozent aller Fälle nur der Mann arbeite. Meist ist die Arbeit des Mannes auch der Grund für den Umzug in ein anderes Land.

Bei den grossen Unternehmen gehört zum Job-Package, das die Expats von ihrem Schweizer Arbeitgeber erhalten, oft nicht nur ein guter Lohn und eine gediegene Arbeitsstätte, sondern auch ein umfassendes Freizeitangebot oder je nach Situation sogar die Kosten für die International School oder die Wohnungs- oder Hausmiete. Ein klarer Standortvorteil bietet Basel den Expats Zugewanderten offenbar in Sachen Arbeitsweg. Alle Expats, die zu einem Gesrpräch mit uns bereit waren, geniessen die kurzen Distanzen zwischen Arbeit und Wohnort. Auch staunen die Expats über das breite Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln und natürlich über Sauberkeit und Pünktlichkeit von Zug, Tram und Bus.

Trotz der vielen Vorteile und der angenehmen Atmosphäre, die die Schweiz bietet, überwiegt bei den meisten befragten Expats aber doch das Heimweh. Auf die Frage, wo in der Welt sie am liebsten arbeiten würden, antworten praktisch alle mit dem gleichen Wort: Home.

 

 

Joris, Dirk, Beth, Eline und Emmaline

Von Katinka Prikryl und Lina Luder

Für viele Menschen ist es unvorstellbar, von Ort zu Ort zu reisen und immer wieder ein «neues Leben» aufzubauen. Doch das Verpflanzen in einen anderen Kultur-, Glaubens-, und Sprachraum gehört zum Alltag eines Expats. Ist es ihre Leidenschaft, die Welt zu entdecken und aus ihr eine weiträumige Heimat zu erschaffen? «Durch das Leben an so vielen verschiedenen Orten habe ich nicht nur eine Heimat, wie die meisten anderen Menschen, sondern gleich mehrere. Ich kenne das wahre Heimatgefühl nicht, aber bin trotzdem sehr glücklich», sagt zum Beispiel der holländische Expat Joris. «Es dauerte eine Weile, bis ich mich an die Schweiz angepasst habe. Ich hatte, um ehrlich zu sein, am Anfang grosse Mühe», erzählt der junge schwedische Expat Dirk.

Einige Expats erleben ein regelrechtes Länder-Hopping. «Ich habe vor zwölf Jahren bereits in der Schweiz gearbeitet, wurde dann aber nach ein paar Monaten wieder von meiner Firma zurück nach England gebeten. Nun bin ich zurück in Basel. Für den Moment ist das mein Zuhause», erklärt die Engländerin Beth.

Die Menschen aus anderen Ländern, die hierher ziehen, um bei einem internationalen Konzern zu arbeiten, haben ganz verschiede Bilder von der Schweiz. Viele der Befragten sehen Basel als Möglichkeit, aus der gewohnten Umgebung herauszukommen, neue Wege in Angriff zu nehmen und Herausforderungen zu meistern. Sie reisen im Laufe ihrer Karriere viel umher, wie beispielsweise der beim Unternehmen Roche beschäftigte Joris: «Meine Eltern waren Expats, als ich auf die Welt kam. Ich wuchs in Afrika auf und reiste später mit ihnen zurück in unser Heimatland Holland. Später wurde mir ein Job in New Jersey angeboten, dort kamen auch meine zwei Söhne zur Welt. Nun lebe ich mit meiner Familie hier in der Schweiz und bin eigentlich ziemlich zufrieden», erklärt er. Auf die Frage, ob Joris und seine Frau Eline sich eine Zukunft in der Schweiz vorstellen könnten, stimmen beide zu. Wenn ihre beiden Söhne die Schule abgeschlossen haben, wollen sie eventuell aber noch weitere Erfahrungen in Indien machen. «Für Joris und mich war Indien schon immer von grossem Interesse und ich werde als seine Frau, im Fachjargon auch Dependant genannt, ihn immer begleiten», sagt Eline.

Dass man in Basel Deutsch und Baseldeutsch spricht, ist den meisten Expats zwar bewusst. Da allerdings viele Einheimische mit ihnen automatisch Englisch reden, ist die Motivation, selbst Deutsch zu lernen, eher klein. «Allerdings ist es schon wichtig, die Landesprache zu beherrschen oder mindestens zu verstehen, wenn man richtig integriert werden will», sagt Dirk. «Für Expats, die sich jedoch nur für kurze Zeit in Basel aufhalten, ist dies nicht notwendig.»

«Bemühe dich, die Sprache deines Aufenthaltsortes so gut wie möglich zu sprechen. Rede mit deinen Nachbarn und unternimm Dinge, die dir bei der Integration helfen, wie zum Beispiel ein Beitritt bim lokalen Bücherverein», rät Beth anderen Expats. Die Amerikanerin Emmaline und die Holländerin Eline hingegen denken, dass man die Sprache nur beherrschen muss, wenn man sich an einem Ort für längere Zeit niederlassen möchte. Emmaline sagt auch, dass es unvermeidbar sei, schweizerdeutsche Basics zu lernen. Und man müsse offen sein für neue Traditionen und kulturelle Unterschiede. «Ich finde es toll, dass Basel seine Traditionen im eigenen Rhythmus führt. Die Festivitäten sind immer in meinem Kalender eingetragen, so Beth.

Die Tipps der Interviewten für Basels Neuankömmlinge: «Basel Connect ist eine tolle Organisation zur Integrationshilfe, welche uns persönlich sehr geholfen hat. Uns wurde geraten alles mit Offenheit und Humor anzugehen und sich mit der Geschichte, Geographie und dem Hintergrund von Basel zu beschäftigen», sagt Joris. Zudem gaben die befragten Expats Restaurants- und Shopping-Tipps. Emmaline: «Lily’s, Noohn und Vapiano sind tolle Restaurants! Einkaufen macht definitiv bei Feldpausch und Manor viel Spass!» Und Beth: «Ich mag viele verschiedene Restaurants in Basel. Der Birseckerhof, Teufelhof und das Restaurant Oliv würde ich für spezielle Anlässe auswählen. Tapadera und Picobello sind zwei geeignete Restaurants, wenn man mit Kindern unterwegs ist. Und das ZicZac, speziell für Familienbrunchs.»

 

 

Celimar, Alessia und Lilia

Von Ginevra Ferreri

Eine stürmische Begrüssung und viele Gerüchte überwältigen mich. Celimar, 18 Jahre, und ihre Mutter heissen mich herzlich willkommen. «¿Quieres cenar con nosotros?» Celimars Mutter fragt mich, ob ich mitessen möchte. Celimar ist halb Dominikanerin, halb Schweizerin. Mit dem Eintreten in die Wohnung taucht man in eine andere Welt ein, eine exotische und ferne Welt. Zuhause spricht Celimar spanisch und isst ziemlich spät abends, immer ausländische Gerichte.

Der Lebensstil der Schweizer sei zwar einfach, manchmal aber finde sie die Gesellschaft oberflächlich und rational, was sie überhaupt nicht nachvollziehen könne, so Celimar. Ihre Begründung dafür ist: «Die Arbeit ist das zentrale Thema unserer Gesellschaft». Auch das Wohnen kritisiert sie: «Die Menschen wohnen hier isoliert, wie im stillen Kämmerchen». Nur ein kleiner Teil ihrer Familie wohnt in der Schweiz. Die grosse Familie lebt in der Dominikanischen Republik. Diese besucht sie gerne in den Sommerferien. Dann kommen dampfende Teller auf den Tisch, wir setzen uns zu Tisch und essen «Pastelitos» eine Art Kroketten aus Fleisch oder Käse. Lecker!

Alessia, eine 20-jährige Spanierin und Italienerin, lebt mit ihren beiden jüngeren Schwestern und ihren Eltern in der Schweiz. Sie sind bereits die dritte Generation ihrer Familie, die hier lebt. Alessia hat immer das Gefühl, dass in der Schweiz die Menschen keine Zeit haben und immer im Stress sind. In Spanien und Italien dagegen herrsche ein ganz anderes Zeitgefühl, man nehme sich beispielsweise mehr Zeit, um gemeinsam zu essen. Auch geben ihr die Gleichaltrigen das Gefühl, dass man so schnell wie möglich aus dem Elternhaus ausziehen müsse. Dazu sagt sie: «Meine Eltern würden mich nie loswerden wollen oder umgekehrt.»

Alessia schätzt die Infrastruktur in der Schweiz, denn diese sei deutlich besser als in ihre beiden Heimatländern. Was sie hier am meisten vermisst sind das sonnige Wetter und das Meer. Ihre Familie besucht sie mindestens einmal im Jahr und am liebsten im Sommer, denn da, sagt sie mit strahlenden Augen,«blüht das ganze Leben». Trotzdem: Sie möchte nicht in Spanien oder Italien wohnen, weil sie die Schweiz gewohnt ist und es anders sei, «die Ferien dort zu verbringen als dort zu leben».

Lilia ist 28 Jahre alt und stammt aus dem Irak. Sie ist vor 23 Jahren mit ihrer Familie aus politischen Gründen in die Schweiz gekommen. Heute fühlt sie sich in der Schweiz sicher und vollkommen integriert, Lilia geniesst ihr Leben in einem gerechten Staat, in dem Demokratie herrscht und das Volk viele Rechte hat. Sie versteht sich gut mit den Menschen hier und schätzt an der Gesellschaft die Weltoffenheit und das Akzeptieren von allen Menschen. Das Leben und Wohnen in der Schweiz sei einfacher als im Irak, denn hier hätte man immer warmes Wasser, eine funktionierende Heizung und Strom. Lilia ist Muslimin und kann ihre Religion in der Schweiz ungestört ausüben. Sie trägt ein Kopftuch. Es machte ihr aber wenig Mühe, es als sie es während ihrer Ausbildung ablegen musste. Sie tat das für ihre Zukunft. Und bei heiligen Festen, musste sie sich von der Arbeit frei nehmen. Heute ist sie Lilia Ganztagesmutter und mit einem Tunesier verheiratet.

*Alle Namen der Redaktion bekannt

 

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