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Expats sind nur schwer erreichbar

Basels Understatement, Basels Altstadt, Basels Sex and Crime: Was die Touristen wirklich interessiert und fasziniert. Und womit Basel die Touristen vergrault. Christian Rieder, 42, CEO der Tourismusagentur Visit Basel, redet Klartext. Auch über das mangelnde Interesse der Zuzüger an der Stadt.

Von Philipp Probst

Wieso sollte man unbedingt Basel besuchen?

Basel hat eine authentisch-spätmittelalterliche Altstadt und ist damit von europäischer Bedeutung. Hier wird eine lange Stadtgeschichte greifbar. Das beeindruckt Amerikaner, vor allem aber die Deutschen, deren Städte fast alle im Krieg zerstört wurden. Schade, dass man in Basel einige Bausünden begangen hat, speziell in der Talstadt. Sonst wären wir im Kern die wohl schönste mittelalterliche Stadt überhaupt. Wir würden in touristischer Konkurrenz stehen mit Städten wie beispielsweise Wien, die vor allem von der beeindruckenden Architektur des 19. Jahrhunderts leben.

Jetzt übertrieben Sie. Wir sind Provinz.

Ach, wir Basler haben immer dieses Gefühl! Aber natürlich, wir sind keine Weltstadt, weil wir auch nie feste Königs- oder Kaiserresidenz wurden. Aber als touristische Region sind wir dennoch ziemlich stark, vergleichsweise. Als Humanistenstadt, ja zuweilen einst geistiges Zentrum, dürften wir durchaus selbstbewusster sein.

Und wir hatten einmal eine Papstwahl!

Eben! Wir waren einmal eine Weltstadt, zweifellos. Aber wie gesagt, wir wurden nie feste Königs- oder Kaiserresidenz. Das wäre eine gute Voraussetzung für eine gewaltige Entwicklung der Stadt gewesen. Touristisch relevant ist heute aber die Region als Ganzes betrachtet: Basel in Verbindung mit dem Schwarzwald und dem Elsass – und umgekehrt.

Diese wird von diversen parastaatlichen Organisationen verkauft. Welchen Part spielen Sie als private Unternehmung?

Wir konzentrieren uns auf den kommerziellen Teil des touristischen Angebots. Wir bieten Stadtführungen und Events aller Art an.

Und konkurrenzieren damit Basel Tourismus.

Natürlich! Konkurrenz belebt das Geschäft, erhöht die Angebotsvielfalt und wirkt positiv auf die Qualität. Aber wir haben wirklich ein gutes Verhältnis zu Basel Tourismus, sind der Organisation, wie Hotels auch, als Mitglied angeschlossen. Operativ ergänzen wir uns sogar in vielen Bereichen. Man darf aber dabei nicht vergessen, dass die Kernaufgabe von Basel Tourismus die touristische Bewerbung Basels ist, finanziert mit Steuergeldern und Mitgliederbeiträgen. Unsere Kernaufgabe ist ausschliesslich die Leistungserbringung und Vermittlung hier in Basel selbst.

Sie bekommen aber keine Subventionen!

Nein. Wir sind eine normale Aktiengesellschaft, also im Grunde genommen gewinnorientiert. Aber unsere Aktionäre sind nicht scharf auf hohe Dividenden. Es geht allen letztlich um die Liebe zu Basel.

Was ist Ihr bestes Produkt?

Eine unterhaltende Stadtführung mit anschliessendem Tafeln in einem pittoresken Lokal in der Altstadt.

Mit einem Führer verkleidet als Ritter?

Nein. Bei uns läuft Infotainment am besten. Eine Führung mit vielen Infos bestückt mit unterhaltenden Elementen. Beispielsweise unsere Basler Bierführung. Da wird sehr viel Interessantes aus der Basler Geschichte erzählt, aber selbstverständlich wird auch die Geselligkeit einer Bierstube zelebriert.

Ist denn die klassische Führung out?

War die jemals in? Also, dass man seinen Gästen eine halbe Stunde ein Fenster des Münsters erklärt, nein, das geht schon lange nicht mehr. Gute Führungen zeichnen sich dadurch aus, dass die Menschen lernen, Zusammenhänge zu verstehen. Warum eine Stadt so und so gebaut ist, warum die Kirche so und nicht anders aussieht und so weiter. Gerade Basel ist ein spannendes Beispiel für den Städtebau im späten Mittelalter. Hat man Basel begriffen, versteht man auch andere, grössere Städte. Und dann kommen natürlich viele Anekdoten und kleine Wissenswertigkeiten dazu, die die Gäste aufheitern.

Zum Beispiel?

Wissen Sie, woher der Ausdruck „Halt die Klappe!“ stammt?

Nein.

Der kommt von den Klappstühlen im Chor der Kirchen, die mit einem Knall hochschnellten, wenn man sie einfach losliess und nicht festhielt.

Andere Highlights?

Stadtrundgänge, die Sex and Crime thematisieren. Dann vor allem Führungen durchs Kleinbasel. Hier gibt es wunderschöne Altstadtwinkel, die in der Regel nicht mal die Basler selbst kennen. Aber auch da: Das machen wir ganz bodenständig, am Schluss hocken unsere Gäste mit den Quartierbewohnern in einer Beiz und haben es lustig.

Das ist jetzt aber gar romantisch!

Überhaupt nicht. Das ist eben Basel. Hier machen die Leute nicht nur auf Understatement, nein, sie sind so. Da sitzt der Milliardär mit dem Touristen und dem Arbeiter, dem Regierungsrat und dem Zuwanderer in der gleichen Beiz. Das ist doch toll. Und das schätzen unsere Gäste sehr, um nicht zu sagen, sie sind darob regelrecht fasziniert.

Das ist vielleicht Ihr Eindruck. Meiner ist ein anderer: Bei den Tausenden von Expats, die in der Region leben, müssten die Beizen ja voll davon sein. Ich höre nur Baseldeutsch sprechende Menschen in den Lokalen.

Ja, die Expats sind wirklich erstaunlich. Ich kann Ihnen nicht sagen, wo all diese Zuzüger ihre Abende verbringen. Wir hatten mal spezielle öffentliche Führungen für Expats angeboten. Sie sind überhaupt nicht gelaufen. Selbst die Zuzüger aus Deutschland sind für solche Anlässe, in denen man versucht, ihnen die neue Heimat näher zu bringen, nur sehr schwer erreichbar.

Und wenn Sie solche Angebote direkt über die Firmen lancieren?

Das ist etwas anderes. Das klappt prima, insbesondere bei geschlossenen Gruppen, also bei Aufträgen von den Unternehmen selbst. Aber auch dort wird explizit gewünscht, dass wir etwas Bodenständiges organisieren. Nicht trockene Geschichte oder ehre Kultur, nein, etwas angucken, etwas erfahren und dann viel Geselligkeit beim Bierzapfhahn geniessen. Einen Drittel unseres Umsatzes machen wir in der Weihnachtszeit mit den Geschäftsessen. Auch hier gilt: Keine mit Sternen dekorierte Restaurants, sondern feiern in einer richtigen Beiz. Das ist Basel!

Basel verkauft sich gerne als Kulturstadt. Wie wichtig ist das für Sie und Ihre Gäste?

Kultur ist wichtig, aber nicht der Topseller, wenn Sie Kultur als Museen und Bühnen verstehen. Ausser es handelt sich um Sonderausstellungen oder -anlässe. Aber im Normalbetrieb kommen die Gäste nicht extra deshalb nach Basel, in der Regel.

Warum denn?

Wegen dem Gesamtpaket. Basel liegt strategisch gut, mitten in Europa. Man ist schnell da und dort, Paris, Mailand, Berlin, Wien. Wir sind ein bedeutendes Wirtschaftszentrum und natürlich Messe- und Kongressstadt. Zudem haben wir den Schwarzwald und das Elsass vor Tür. Garniert mit der Altstadt, den Museen und Bühnen, perfekt.

Kuckucksuhren und Wellness im Schwarzwald, Wein und putzige Dörfchen im Elsass, Kultur und Geselligkeit in Basel – in etwa so?

Genau. Das zieht bei den freizeitmotivierten Touristen. Und die Region als Ganzes betrachtet hat auch für Menschen, die nicht nur als Touristen kommen, sondern um hier zu arbeiten, einen grossen Vorteil: Es ist zwar ein Zentrum, aber mit ländlich-idyllischer Umgebung. Wenn die Menschen aus Weltstädten kommen, schätzen sie möglicherweise mehr den urbanen Touch. Kommen sie aus der Provinz, lieben sie vielleicht eher das Ländliche. Oder umgekehrt. Wir können jedenfalls beides bieten.

Und wir haben eben tolle Museen.

Natürlich. Aber wir müssen uns bewusst sein: Allein wegen der Museen kommt man in der Regel nicht nach Basel. Aber auch! Ich bin ja schon lange in dieser Branche tätig, trotzdem staune ich immer wieder aufs Neue, was sich die Gäste wünschen. Meistens dreht es sich ums Essen. Viele Menschen wollen schlicht und einfach erleben, wie in Basel und in der Schweiz gegessen und getrunken wird, wie gelebt wird. Aber damit wir uns richtig verstehen, Basel ohne Museen wäre wie Basel ohne Altstadt oder Basel ohne Rhein. Das Ganze macht den Reiz aus!

Wie wichtig sind die grossen Fachmessen für Sie?

Leider sind sie nicht mehr so wichtig. Denn heute kommen die meisten Messe-Besucher, erledigen ihr Business und sind wieder weg. Fürs Rundherum gibt es kein Geld mehr. Abends gehen die Besucher bestenfalls was essen. Was aber selbst für die Gastronomie nicht immer so toll ist. Aussteller reservieren vielfach in vier verschiedenen Restaurants Tische für ihre Kunden. Dann wird spontan entschieden, wohin man geht. In den andern Restaurants bleiben die Tische leer, sie bekommen häufig nicht mal eine Absage. Das hat etwas von einer Lotterie. Von enormer Bedeutung sind die Messen vor allem für die Hotels und das Personentransportgewerbe.

Basel ist ja auch eine Hafenstadt. Profitieren Sie von den Flusskreuzfahrten?

Die sind extrem wichtig, da Kreuzfahrten eine sehr beliebte Form des Reisens sind. Nur: In Basel haben wir es sehr schwer. Zum einen dienen wir häufig nur zur Ein- respektive Ausschiffung. Solche Passagiere sehen die Innerstadt also nie. Zum andern ist unser Hafen für Hotelschiffe ganz einfach eine Katastrophe!

Wie meinen Sie das?

Also wenn Sie in Kleinhüningen anlegen, wo wollen Sie da hin? Da stehen Sie als Gast irgendwo in einer Industriezone, zwischen Containern und Mineralöltanks, fernab von der Basler Innenstadt. In Köln sind Sie mitten in der Stadt. Und wenn man schaut, wie schön sich der Hafen in Breisach präsentiert, überlegt sich mancher Reeder, ob er überhaupt noch bis Basel hinauf fahren will.

Personenschiffe können auch im St. Johann anlegen.

Je nachdem. Das hängt von der Grösse der Schiffe ab, aber auch von deren Anzahl. Aber auch im St. Johann ist es nicht ideal, auch nicht nach der Verschiebung des Anlegers um ein paar Meter rheinaufwärts. Erstaunlich ist ja, dass grosse Kreuzfahrtschiffe doch hin und wieder an den zentralen Punkten am Basler Rheinufer anlegen dürfen, zum Beispiel vor dem Hotel Les Trois Rois. Aber nur, wenn eine grosse Messe stattfindet. Das verstehe ich nicht.

Basel ist mehr eine Wirtschafts- denn eine Touristenstadt.

Ich erzähle dazu ein Beispiel: Sicher einmal im Jahr reden Daniel Egloff, Direktor von Tourismus Basel, und ich über das Problem Busparkplätze. Weshalb können andere Städte direkt an der Innerstadt solche in genügender Zahl anbieten, ausgerüstet mit perfekter Infrastruktur? Manchmal bekomme ich das Gefühl, dass man in Basel den Tourismus gar nicht fördern will. Das macht es wohl auch für Egloff, der sich unermüdlich für die Erhöhung der touristischen Attraktivität einsetzt, nicht einfacher. Anderes Beispiel: Versuchen Sie mal am Wochenende in der Innerstadt Geld zu wechseln.

Wie gut lässt sich die Basler Fasnacht touristisch vermarkten?

Ein Anlass wie die Fasnacht ist eigentlich für jeden Touristiker ein Traum. Da ist alles drin: Tradition, Geschichte, Spannung, Humor, Unterhaltung. Da gibt es Hunderte von Themen, die man den Gästen näher bringen könnte. Allein schon die Einführung in die Kunst des Schnitzelbängge wäre abendfüllend. Und dann ist alles erst noch aktuell und jedes Jahr neu. Fasnacht ist kein verstaubtes rituelles Fest, sondern sie ist in Basel fast tagtäglich präsent …

…aber?

Wir bieten zwar Fasnachtstouren an, aber nur unmittelbar vor der Fasnacht, zur Einführung. Unsere Fasnacht ist kein touristischer Anlass. Wir Basler machen Fasnacht in erster Linie für uns selbst.

Der Karneval in Venedig ist legendär und mitunter ein Grund, das ganze Jahr nach Venedig zu reisen. Warum schafft das Basel nicht?

Weil wir Basler das gar nicht wollen. Nochmals: Fasnacht ist nicht für Touristen, sondern für uns. Zudem ist die Fasnacht nicht einmal Basels grösster und wichtigster Anlass.

Sondern?

Die Herbstmesse mit weit über einer Million Besucherinnen und Besucher aus dem In- und Ausland. Aber d’Mäss ist eigentlich eine Basler Ausnahmeerscheinung. Ansonsten machen wir Basler sehr viel für uns selbst und das genügt dann auch. Nehmen Sie das Theater als Beispiel. Ein fantastisches Haus mit absoluten Weltklasseinszenierungen, das für die Region eine grosse Bedeutung hat, aber das war es dann leider auch. Dass das Theater Basel zum internationalen Besuchermagneten würde wie das Opernhaus in Zürich – dazu wären einfach sehr viel mehr finanzielle Mittel nötig. Aber seien wir ehrlich, das will man doch in Basel gar nicht. Man begnügt sich interessanterweise damit, dass das Theater Basel in internationalen Fachkreisen hoch gelobt wird. Hingehen tun nur wir selbst.

Wie wichtig sind asiatische Gäste?

Sie nehmen ganz klar zu. Zur Zeit besuchen viele Russen unsere Stadt. Im Gegensatz zu allen Klischees sind das sehr kultivierte und interessierte Menschen. Auch die Chinesen erleben wir anders, als es die Klischees über asiatische Touristen darstellen. Die Chinesen mögen gerade die Geselligkeit, das Gemütliche in Basel, abends in einer Beiz zu sitzen, gut zu essen und vor allem zu beobachten, wie wir hier leben. Wir überlegen uns ernsthaft, demnächst Führungen auf Chinesisch anzubieten.

Warum ist Ihre Website und auch Ihre Partnerseite baselinsider.ch nur auf Deutsch, nicht auf Englisch?

Gerade das Online-Nachschlagewerk Basel Insider ist eigentlich ein Hobby von uns allen. Hier erzählen wir in Artikelform Geschichte und Geschichten aus und über Basel. All das zu Übersetzen wäre ein zu grosser Kostenpunkt. Ich muss aber auch sagen, dass der grösste Teil der Leserinnen und Leser Einheimische sind. Wir Basler haben einfach eine besondere Beziehung zu unserer Stadt. Baslerinnen und Basler gehören auch bei den Stadtführungen letztlich zu unseren besten und wichtigsten Kunden. Und dennoch, 40 Prozent unserer Stadtführungen, welche wir für Firmen durchführen, werden auf Wunsch des Kunden in Englisch gehalten. Tendenz steigend. Basel wird je länger je internationaler. Für uns eine spannende Entwicklung.

www.visitbasel.ch / www.baselinsider.ch

www.baselinsider.ch

 

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